30. April 2004

[ Business Weblogs ]

Weblogs und Geschäftsmodelle

Ich hab mich immer gefragt, warum so viele Leute auf Kampf irgendein "Weblog-Geschäftsmodell" sehen wollen und die ganze Blogwelt so ernst nehmen. Da sinkt vermeintlich das Postingvolumen der .de-Blogosphere (Wahrnehmung hängt von der Erwartung ab, nicht?) und schon bricht Nervosität aus: "Weiterentwickeln" soll sich die Blogosphere und "Ein gemeinsames Gattungsmarketing könnte für gewisse Abhilfe sorgen." meint Klaus Eck.

Ähm... Warum genau ist das wichtig?

Schnitt. Zeitsprung zurück. Es ist früher April 2004: In München sitzt ein Raum voll Menschen zusammen (die Website zur Veranstaltung scheint verschwunden zu sein, das hier ist der Eintrag im Bloghaus) um die Frage zu erörtern: "Weblogs - Wie sehen die Geschäftsmodelle aus?".

Und was kommt raus?

  • Man kann Weblog-ASPs betreiben.
  • Man kann Weblogs innerhalb von Unternehmen zur Prozessunterstützung einsetzen.
  • Man kann mit Blogsoftware Websiten bauen, auf denen man dann mit
    • Werbung und
    • Provisionen
    Geld verdienen kann
  • Man kann mit Blogsoftware Seiten bauen, die Leser anziehen, die dann andere Dinge von einem kaufen.

Nun, gut, das sind 4 Geschäftsmodelle. Aber haben die irgendwas gemeinsam? Und sind das wirklich Weblog-Geschäftsmodelle?

Das ASP-Geschäftsmodell ist relativ simpel und ja, natürlich basiert das auf Weblogs. Ohne Weblog kein Weblog-ASP. Trivial. Ob man damit in der Blogosphere wirklich Geld verdient ist einigermaßen fraglich und wenn man sich z.B. die Strategien von orangemedia/blogg.de (ZEIT-Weblogs) und knallgrau/twoday.net anguckt, sieht es eher so aus, als ob die Kohle im "Weblogs-als-Low-End-CMS"-Markt zu finden sei (vgl hier). In dem Markt konkurrieren die Weblog-Anbieter mit Herstellern von Content Management Systemen und die Kunden interessiert es überhaupt nicht kaum, ob man ihr Problem mit Weblog-Software oder anders löst. Ein ganz normaler Software-Markt.

Weblogs in Unternehmen funktionieren ähnlich: Dass es Weblogs sind, interessiert keinen Menschen. Es gibt Probleme zu lösen und möglicherweise kann man das mit Weblogs tun. Wenn ja: Prima. Wenn nicht: Auch gut. Wenn es wirklich Unternehmen geben sollte, die nicht nur die Anforderung "löst mir mein Problem", sondern die Anforderung "löst mir mein Problem mit Weblogs" haben, ja dann hätte wir ein Weblog-Geschäftsmodell. Die will ich sehen.

Werbe-Geschäftsmodelle. Müssen wir da wirklich noch weiter drüber reden? Ja, es gibt Werbe-Geschäftsmodelle und auch welche, die besonders gut mit Weblogs oder meinetwegen "Microcontentpublishing" (yeah, baby) funktionieren. Aber die haben vor allen Dingen etwas damit zu tun, dass man sinnvolle Inhalte produziert und Leser bekommt, die die wertschätzen. Ob man das mit einem Weblog macht oder nicht... Weblogs machen das Publizieren einfach, aber das war es auch schon. Einfach an sich bringen sie kaum etwas dazu (gemeint ist der Kommentar von kris unten. Leider hat Jims Weblog keine Kommentar-Permalinks).

Und dann gibt es noch das "Weblogs-als-Marketinginstrument"-"Geschäftsmodell", das ich schon sprachlich drollig finde. Was genau ist das "Geschäftsmodell", wenn ein Weblog ein Marketinginstrument ist? Verkauft wird woanders, oder? Dort wird das Geschäft gemacht. Dort liegt das Geschäftsmodell. Versteht mich nicht falsch: Weblogs im Marketing sind wertvoll und gerne können wir dutzende Konferenzen dazu abhalten. Aber ein "Geschäftsmodell" würde ich das nicht nennen.

Was bleibt? Furchtbar viel Aufregung um ein Thema, das ich überhaupt nicht verstehe. Warum wollen wir unbedingt ein "Geschäftsmodell" für Weblogs? Ich verstehe es nicht. Da draußen kann man so viele schöne Geschäfte machen und Weblogs können unglaublich hilfreich dabei sein. Aber warum muss unbedingt das Weblog an sich ein Geschäftsmodell haben? (Ein Freund von mir meinte: "I think these people need to get out more.")

Redet mal weiter, über "Gattungsmarketing" und "was man tun kann, damit mehr Leute bloggen" (warum genau war das nochmal wichtig?). Ich baue derweil lieber an einem Real Life-Geschäftsmodell anstatt an einem aus Hype.

Trackbacks sind Links von anderen Weblogs auf diesen Eintrag.

Martin R ö ll: Weblogs und Gesch ä ftsmodelle. [Das E-Business Weblog] BoggerConWiki: http://www.seedwiki.com/page.cfm?doc=BlogBusiness =5030 =">Making Blogs Make Money. [dortselbst aus den Kommentaren gefischt]

Der Schockwellenreiter: dot.comisches (02.05.04 11:05)

die ZEIT umreisst im Artikel Profit mit der Weblog-Welle die möglichen Chancen, vom Blog-"Boom" auch in D zu profitieren. U.a. heisst es dort: Bisher ist jedoch unsicher, ob die Webgemeinde dem Vorbild aus den Vereinigten Staaten folgen wird. „Vielleic...

MEX Blog: ZEIT: Reichbloggen (05.05.04 13:27)

Jalopnik ist ein neues Projekt von Nick Dentons Gawker Media. Wer das noch nicht kennt: Gawker Media publiziert eine ganze Reihe von ganz hervorragend geschriebenen Themen-Weblogs und verdient Geld mit...

Das E-Business Weblog: Jalopnik - Audi sponsert Weblog (14.10.04 11:32)

"Web2.0" geht um. Alle reden darüber und bei mir stapeln sich die Anfragen dazu. Aus irgendeinem Grund scheint eine Frage viele Leute zu bewegen: "Was ist das Geschäftsmodell des Web...

Das E-Business Weblog: Die krampfhafte Suche nach dem Web2.0-Geschäftsmodell (04.08.06 00:27)

 

Siehe hierzu auch:
The BloggerCon wiki for Making Blogs Make Money

Heiko am 30.04.04 13:12 #
 

Ah, danke! Genau der Link fehlte mir noch.

Martin Röll am 30.04.04 13:16 #
 

Das passiert eben wenn man sich mehr aufs Werkzeug als auf die Lösung orientiert.....

Lisa Neun am 30.04.04 14:28 #
 

Korrigiert mich wenn ich irre, aber wäre dann nicht die zwangsläufige Konsequenz, dass es irgendwann keine Weblog-Hosts mehr geben würde?

Moe am 30.04.04 17:51 #
 

Auf unserer FIWM-Veranstaltung sind nur business-orientierte Zeitgenossen vertreten, deshalb geht es naturgemäß nicht darum, wie toll und schön ein Weblog ist oder sein kann, sondern vielmehr darum Business-Chancen aufzuzeigen. Unternehmer wollen wissen, ob sie sich überhaupt mit dem Thema Weblog auseinandersetzen sollen und stellen darum auch sehr kritische Fragen. Um technische Spielereien geht es hierbei nun wirklich nicht.

Andererseits haben doch gerade vom Hype viele Consultants relativ gut gelebt. Warum muss ein solcher normaler Innovationszyklus deshalb gleich niedergemacht werden. Neue Technologien und Ideen sind per se erst einmal nichts Negatives. Sie müssen allerdings ihren Platz finden. Ich glaube nicht, dass es darum geht, Weblogs in den Himmel zu heben. Interessant wird es jedoch für mich, wenn ich sie in den Unternehmen implementieren kann und dadurch deren Business-Erfolg vorantreibe.

Klaus Eck am 30.04.04 22:21 #
 

Siehst Du, das ist aber eine ganz andere Fragestellung.

Martin Roell am 30.04.04 22:26 #
 

auch ein schöner artikel zu thema [Weblogs kommerziell einsetzen]

norman am 03.05.04 15:16 #
 

Ich komm von deinem aktuellen Verweise wegen web 2.0 und geschäftsmodelle. das mit dem Low-end-CMS hat sich ja im bereich knallgrau nicht _ganz_ als korrekte Prognose erwiesen.

Wahrscheinlich sollte man (also: 4 alle) vor allem sein eigenes Blog immer wieder lesen ;)

oliver gassner am 04.08.06 10:29 #
 

Hm. Knallgrau verdient, soweit ich das sehe, durchaus Geld im Low-End. Und Typepad auch. Und wenn ich mir anschaue, wie kleine Web-Dienstleister Projekte auf Basis von Blogsoftware implementieren und gleichzeitig Lizenzumsätze bei Lowend-CMS fallen... nee, die Prognose passt schon.

Martin Röll am 04.08.06 10:46 #