24. April 2004

[ Kommunikation , Unternehmenskultur ]

Sinn oder Formeln?

Silke Schümann greift eine ältere Diskussion auf: Es geht um "Corporate Wording". Sollten im Unternehmen alle "mit einer Stimme nach außen sprechen"? Auch wenn sie gar nicht verstehen, was sie da sagen?

Wenn das Ziel eine "einheitliche Kommunikation" ist, schreiben wir dann die Sprache vor? Oder erklären wir überhaupt erst mal den Sinn von dem, was wir da tun wollen und lassen die Sprache sich dann entwickeln?

Klar kann man mit Sprache auch steuern: Das funktioniert dann wie Newspeak. Und ja: Es funktioniert. Dann haben wir aber auch Mitarbeiter, die wie Proles sind. Wenn das das ist, was "Corporate Communications" haben will - fein.

Ich mag ja lieber richtige Menschen. Solche, die das tun, was sie denken, und so darüber reden, wie sie es für richtig halten. Menschen haben ein Talent, sich sprachlich anderen Menschen so anzupassen, dass sie verstanden werden. Dafür müssen sie so reden können, wie sie reden wollen. Wenn sie nur Phrasen wiedergeben (dürfen), kommunizieren sie gar nicht mehr selbst, sondern dann kommuniziert Corporate Communications mit dem Empfänger. Nur Corporate Communications ist weit weg und kann sich überhaupt nicht anpassen. Jetzt müssen die Phrasen schon verdammt gut sein, damit sie noch ankommen.

Nein, ich will keine vorgeschriebenen Formeln. Ich will das Marketing-Blabla nicht, mit dem mich roboterhafte Organisationssklaven vollquatschen. Ich will dass mir Leute die Dinge so erklären wie sie sie verstehen. Dann höre ich auch zu. Mach mir klar worum es geht, was der Sinn ist, aber verschone mich mit den auswendig gelernten Formeln, die nur Corporate Communications etwas bedeuten aber nicht Dir und mir. Sag es mir, wie Du es denkst. Geschäfte können wir dann immer noch machen. Besser denn je.

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Machen wir Geschäfte. ;o)

OK, g'nug G'schwätzt. Jetzt schreiben wir noch meinen Namen richtig, weil Schü_r_mann ist __nicht__ richtig.

Silke Schümann am 24.04.04 12:32 #
 

Solange a) Organisationen ein Kontrollbedürfnis haben und möglichst allen kommunikativen Output auf Linie trimmen wollen und b) gestanzte Leerformeln andere Gesprächspartner einschüchtern ("Meine Güte, kennt der viele englische Worte, von denen ich noch nie gehört habe - der muß gut sein!"), wird sich nicht sonderlich viel dran ändern...

JanSchmidt am 24.04.04 12:54 #
 

Argh, tut mir Leid. Und ich hatte extra nochmal nachgelesen... (und Deinen Namen dann doch falsch geschrieben) Pardon!

Jan: Glaubst Du, dass b) (noch lange) funktioniert? Ich nicht.

Martin Röll am 24.04.04 16:50 #
 

Gegen "Corporate Wording" im Sinne von „lasst uns das Kind benennen, damit wir dann wenigstens ansatzweise alle etwas ähnliches verstehen", habe ich nichts.
Gegen Kontrolle, Selbstbefriedigung von Machtgelüsten sowie vorgefertigte „Kommunikationsbrocken“ allerdings sehr wohl. Außerdem ist die "meine Mitarbeiter sind dumm, faul und blöd" - Vermutung:
a) grundsätzlich falsch (siehe vowes Gesetz der konstanten Armleuchterquote ;-)
b) Mitarbeiter und damit Menschenverachtend
c) sehr aufschlussreich bezüglich der Person, die sich zu solchen Denkmustern hinreissen lässt
d) eine Schwäche ;-)

Alexander Weihs am 24.04.04 17:04 #
 

@martin: Naja, wenn es zum "Aufstand" gegen die Leerformeln kommt, dann nicht... der müsste im Kleinen (z.B. durch Postings wie Deine) und Großen (z.B. durch gesellschaftsweite kritische Beleuchtung der Arbeit von Consulting-Agenturen, die u.a. Meister im verbalen Blenden sind) stattfinden.
Gegen Veränderungen sprechen aber möglicherweise grundsätzliche Überlegungen:
- Formeln und Floskeln geben Sicherheit bzw. überdecken mögliche Unsicherheit; für den Einzelnen mag es daher sinnvoll sein, sich in Blabla zu flüchten
- eine eigene "Terminologie" dient zur Abgrenzung der eigenen Profession und als Ausdruck von Professionalisierung... eigentlich meinte ich das mit "Einschüchterung": Man kann durch komplizierte Worte, durch Leerformeln, durch Rabulistik den Anschein erwecken, man wüsste, wovon man redet. Und einen Experten stellt man nun mal nicht in Frage, noch dazu wenn man ihn nicht _so ganz_ versteht..

Das sind empirische Argumente; normativ stimme ich Dir zu: Mir geht das Geschwafel auch auf den Senkel - und ich hab zum Glück nur am Rande damit zu tun, weil ich mich mehr mit wissenschaftlichen Texten auseinandersetzen darf... da gilt das Argument des "Professionalität demonstrieren durch eigene Terminologie" natürlich genauso (ich schreib gerade meine Diss fertig, ich muss es wissen.. ;-))

JanSchmidt am 24.04.04 19:51 #
 

Alexander hat da völlig recht. Ich glaube, wenn den armen MA zu wiedergebende Sätze vorgepredigt werden, dann hinkt das ganze berits viel weiter vorne.
Es macht sicherlich Sinn, dass alle am Schluss das selbe sagen, aber in ihren Worten. Wenn der MA Worte auswendig lernen muss, dann hat er die Mission/den Sinn der Unternehmung nicht verstanden bzw. nicht richtig erklärt bekommen. Also war sein Chef nicht fähig, den MA zu motivieren und ihm die Mission zu erklären.
Natürlich werden Terminologien oft gebraucht, um Unsicherheit zu verbergen, aber liegt hier die Wurzel nicht auch genau in der fehlenden Kenntnis, von was man eigentlich spricht?

Arnold Seefeld am 25.04.04 23:45 #
 

Ich sehe zum einen das Problem, das die Kompetenz den MA nicht zugetraut wird, oder aber tatsächlich von vorn herein erst gar nicht erwartet wird (Lohnniveau und Aufgabenstellung: CallCenter).

Zum anderen aber auch in der irrigen Annahme, dass Design bis in die Haarspitzen zu einer einheitlichen Wahrnehmung führt und das bis ins letzte durchgestaltete Unternehmen, das erfolgreichere ist. Nachzulesen in den Standardswerken zu Corporate Identity und meiner Meinung ein Missverständnis dessen, was eigentlich in der Intention lag.

Silke Schümann am 26.04.04 11:25 #
 

Wenn Corporate-Geschwätz nur nicht ernst genommen würde, wäre die Sache nicht so schlimm. Tatsächlich werden hier sinnvolle Worte ihrer Reputation beraubt. Nachdem den Begriff "professionell" nun wirklich niemand mehr ernst nimmt, wird aus "innovativ" gerade der letzte Sinn ausgemangelt. Falls überhaupt, wird es Jahrzehnte brauchen, bis man diese Worte wieder sinnvoll gebrauchen kann.

Karl Bihlmeier am 27.04.04 09:44 #