21. April 2004

[ Internet , Management , Unternehmertum ]

Unternehmen Gründen und das Cynefin Model

cynefin-model.jpg Vergangene Woche fragte mich ein Student nach den Erfolgsaussichten einer bestimmten Art von Internetunternehmen. Er schilderte mir die Situation in einem Markt und beschrieb eine Internetdienstleistung. Dann fragte er mich, ob ich dächte, dass diese Erfolg haben könne.

Ich bekomme öfters solche Fragen und seit einiger Zeit beantworte ich sie nicht mehr: Weil ich sie nicht beantworten kann. Oder eigentlich genauer: Weil ich sie nicht sinnvoll, nicht hilfreich beantworten kann. Genau das erklärte ich dem Studenten.

Das Problem ist das Folgende:

Wir haben in der Vergangenheit mit Prognosen auf den Erfolg von Internetunternehmen immer falsch gelegen: In der Hypezeit dachten wir, sie würden alle abheben. Die meisten sind pleite gegangen. Nach dem Crash dachten viele, die New Economy wäre gescheitert und es gebe so etwas wie spezifische Internet-Geschäftsmodelle gar nicht. Blöderweise gab und gibt es sehr lebendige Gegenbeispiele. Kurz: Wann immer wir irgendwelche vermeintlichen Gesetzmäßigkeiten erkannt zu haben glaubten, lagen wir falsch.

Deshalb, so argumentierte ich, ist es gar nicht mehr sinnvoll, über Internet-Geschäftsmodelle zu theoretisieren. Das mag zwar aus akademischer Perspektive durchaus noch interessant sein, aber aus unternehmerischer Sicht gibt es eine viel bessere Alternative: Das Ausprobieren.

Die meisten Internet-Geschäftsideen kann man mit relativ geringem Aufwand starten, das heißt, einen Prototypen entwickeln und launchen und sehen, wie der Markt reagiert. Auch die ersten Anpassungen sind normalerweise billig. Erst die Skalierung kostet Geld. Wenn Prognosen auf den Erfolg einer Unternehmung also immer falsch sind, ist es sinnvoller, einfach auszuprobieren, was geht. Natürlich nicht einfach blind und chaotisch, sondern schon so, wie man glaubt, dass es gehen könnte. Dann sieht man, ob es klappt oder nicht und kann sich entscheiden, ob man nun weiter und mehr investiert, etwas anderes probiert oder den Laden wieder zu macht.

Soweit meine Argumentation. Und heute sitze ich über ein paar alten Konferenzunterlagen und falle in eine alte Präsentation von Dave Snowden über das Cynefin Model.

cynefin-model.jpg
Das Cynefin Model. Aus einer Präsentation von Dave Snowden zur KM Europe 2002. Eine andere Visualisierung des Modells gibt es bei Ton Zijlstra.

Das Cynefin Model ordnet Probleme in vier Felder ein. Mit ihen wird der Rahmen von Problemen definiert: "Was haben wir hier eigentlich für ein Problem?"

Im Bereich Known weiß man, wie alles abläuft. Es gibt bekannte Ursache-Wirkungs-Zusammenhänge. Best Practise wird angewandt. Im Bereich Knowable wird analytisch-systemisch gedacht und in Szenarien geplant. Im Bereich Complex geht es darum, Signale aufzunehmen und Muster zu erkennen. Im Chaos-Bereich ist alles unsicher. Es wird schnell gehandelt, um wieder Ordnung herzustellen.

Ich denke, dass wir das Problem "Unternehmensgründung im Netz" nicht in den rechten Quadranten lösen können, sondern dass es sich um ein Problem aus dem Bereich "Complex Knowledge" handelt.

Früher haben wir Unternehmen in den rechten beiden Quadranten geplant. Unsere komplette heutige Businessplanung läuft hier ab: Systeme, Szenarien und Kausalzusammenhänge. Im Internet, wo sich alles in rasender Geschwindigkeit wandelt und nur wenige Strukturen gefestigt sind, funktioniert dieser Ansatz nicht mehr.

Mein Vorschlag zum Vorgehen bei einer Internet-Unternehmensgründung stellt das Problem in den linken oberen Quadranten: Es geht nicht mehr darum, eine Situation aufzunehmen, zu Kategorisieren und zu Analysieren und darauf zu handeln (Sense - Categorise - Respond bzw. Sense - Analyse - Respond), sondern um das Ausprobieren, Aufnehmen der Effekte und Handeln (Probe - Sense - Respond). (Das macht die Businessplanung natürlich schwierig... Oder wie soll ein Gründer seinem Banker die "Wir probieren erst A und und wenn es klappt machen wir A-alpha, A-beta und A-gamma. Aber wenn A nicht klappen sollte, probieren wir B aus und wenn das nicht klappt C"-Passage und die Visualisierung in einem vierstufigen Entscheidungsbaum - der jede Woche geändert wird - erklären?)

Hätte ich Snowden schon letzte Woche im Kopf gehabt, hätte ich ein schönes Framework parat gehabt, um meine vor allem intuitive Argumentation zu erklären. Nun - beim nächsten Mal.

Trackbacks sind Links von anderen Weblogs auf diesen Eintrag.

Je nach Geschwindigkeit und Budget gibt es unterschiedliche Vatiationen am Markt zu agieren. Martin Röll bringt heute ein Modell von Dave Snowden in seinem Blo...

A2O — Business pur: Management by ... (21.04.04 21:59)

Martin Roell verweist in dem Artikel http://www.roell.net/weblog/archiv/2004/04/21/unternehmen_gruenden_und_das_cynefin_model.shtml auf das Cynefin Modell. Dabei werden Probleme nach vier Feldern kategorisiert. Diese Felder entsprechen Problemkassen,...

Dengel Dengel Blog: Metaproblembehandlung (22.04.04 13:46)

 

Wenn mir jetzt noch jemand sagt, dass es damit auch nicht möglich ist das "richtige" Studium für diesen Beruf zu planen, dann weiß ich gar nicht mehr weiter - ausprobieren beim Studium ist nicht nur schwierig und teuer sondern meiner Meinung nach auch unmöglich, da es einfach viel zu lange dauert ein Studium zu beenden, bzw. ein neues zu beginnen.

Lennart Schreiber am 28.05.06 07:59 #
 

In der Tat: Sich für ein Studium zu entscheiden, dürfte heute auch eher dem komplexen, als dem "knowable" Bereich zuzuordnen sein. "Welches ist das richtige Studium für Beruf X?" Tja.

Ausprobieren geht aber schon: Wähle einen Studiengang, der Dir richtig erscheint, studiere, und triff rechtzeitig die Entscheidung, zu wechseln, wenn sich die Wahl als falsch herausgestellt hat.

Martin Röll am 28.05.06 13:45 #