11. März 2004

[ Roell.Net ]

Mein RSS-Seminar ist abgesagt

Das Projekt auf das ich mich in den letzten Wochen am meisten gefreut hatte, mein RSS-Seminar, wird nicht stattfinden: Zu viele Teilnehmer sind wieder abgesprungen und zu wenige übrig geblieben, sodass das Seminar für meinen Auftraggeber nicht mehr wirtschaftlich durchzuführen war.

"Was lernen wir jetzt daraus?"

Wohl, dass es doch nicht möglich ist, ein Seminar zu einem Thema zu verkaufen "das es gar nicht gibt", wie ich noch vor ein paar Wochen voller Freude über die Anzahl der Anmeldungen, die gerade die Durchführbarkeitsmarke überschritten hatten, in meinem Newsletter geschrieben habe. Menschen kaufen keine Seminare zu Dreibuchstabenabkürzungen. Sie kaufen Wert oder mindestens Wertversprechungen.

Sicher: Das hätte man vorher wissen können und wir wussten das auch und hatten es auch in unserem Vertrieb drin. Dennoch haben wir das Seminar vor allem über den Begriff "RSS" aufgezogen und nicht über ein Nutzenversprechen. Unsere Ankündigung klang wie "Es geht um RSS; das ist neu und nützlich für..." Besser verkaufbar wären die "Besser Leben mit RSS"-, pardon, die "Effizientes Informationsmanagement mit RSS"-Strategie ("effizient"! immer gut.) oder ein anderer, gut klingender, wertversprechender und relativ simpler Titel gewesen.

Wer mich kennt, weiß, dass ich sowas gar nicht mag. (Was mein Fehler ist! Deshalb verkaufe ich ja auch keine Seminare sondern nur mich als Menschen. Das kann ich. Weil ich einer bin. Aber ich schweife ab.) Ich mag übermäßige Simplifizierungen nicht. RSS ist ein "großes" Thema, ein Infrastrukturthema. Es auf "Sparen Sie Zeit indem Sie Feeds statt Mailnewsletter lesen" zu reduzieren, selbst wenn es nur im Titel des Seminars ist, widerstrebt mir. (Vertriebsmenschen schütteln hier den Kopf. Ja, ich weiß schon, warum ich mich nicht zum Vertriebler eigne!) Nun: Es mag notwendig sein, im Marketing so zu simplifizieren, um so ein Seminar verkauft zu bekommen.

Das wäre mal ein Vorschlag für eine Erklärung. Nochmal zum Mitschreiben für die Key Learnings, Baby: Nutzenversprechen unklar. Sell the value proposition, not the TLA.

Ein anderer wäre: "RSS ist Quatsch, völlig uninteressant und darüber will eh keiner was wissen." (Mit der Konsequenz, dass ich lieber wieder Portale und Shops konzipieren gehen sollte, anstatt mich mit Dummheiten zu befassen.) Keine Angst, sowas wird es nicht werden. Ich glaube an die Wichtigkeit dieser Technologie und daran, dass es Leute geben muss, die sie anderen erklären. Vielleicht sind wir zu früh dran und wenn der Begriff bekannter ist, muss man nur "RSS!" rufen und verkauft sofort Seminare wie verrückt.

(Das ist übrigens eine super Rechtfertigungsstrategie: Wenn was schiefgeht muss man einfach nur sagen: "Wir waren zu früh." Dann ist man nicht schuld und was noch besser ist: Die Konsequenz ist natürlich, dass man nichts machen muss, außer warten. "Bis die Zeit gekommen ist". Seeehr komfortabel. Also merken: "Wir waren einfach zu früh.")

Oder, noch ein Vorschlag: "Falsche Zielgruppe. Rede nicht mit den Pressemenschen sondern mit den... (mit wem?)" Mag sein, war aber hier nicht die Fragestellung, da der Kontext von Mitarbeitern von Pressestellen von meinem Auftraggeber vorgegeben war. Das ist auch ganz in Ordnung so: Ich weiß nicht, ob ich mir selber eine Zielgruppe suchen will, für die ich dann ein RSS-Seminar anbiete. Viel lieber ist es mir, wenn ein Experte für eine bestimmte Gruppe - so wie hier mein Klient Dr. Doeblin für Pressestellen - auf mich zukommt und das Ganze mit mir zusammen angeht. Ich weiß über RSS Bescheid, wie man Pressestellen anspricht weiß er besser. Ja, dieses Mal hat es nicht gereicht. Schade für mich, schade für ihn und schade für die Welt, denn sie hätte so ein Seminar verdient gehabt. Beim nächsten Mal machen wir das besser.

Für mich persönlich habe ich gelernt, dass ich mich früher in den Vertrieb einschalten muss. Ich war mit meinen Gedanken nach der Beauftragung gleich bei der inhaltlichen Ausarbeitung des Seminars und vertraute darauf, dass mein Auftraggeber das Seminar schon irgendwie verkaufen würde. Es hätte geholfen, wenn ich ihm gleich zu Beginn eine Reihe guter Argumente warum RSS nützlich und wichtig ist für seinen Vertrieb geliefert hätte. Dann wären wir vielleicht auch darauf gekommen, dass die im Vordergrund stehen sollten und nicht der Name der Technologie.

Nun, genug reflektiert. Dieser Versuch ist gescheitert und der nächste klappt bestimmt. Oder der nächste. Oder der nächste. Ich mag diesen Beruf.

Von meinen Reiseplänen soll mich das nicht abhalten: Ich werde wie geplant ab Montag unterwegs sein und die Zeit, in der ich sonst referiert hätte, sinnvoll und völlig un-geschäftlich an einem garantiert internet- und RSS-freien Ort verwenden. Die komplette und aktuelle Reiseplanung steht wie immer in der Sidebar auf der Weblog-Startseite und da das eine Arbeitsreise ist, wird es hier im Weblog auch bestimmt nicht ruhig werden in den drei Wochen.

Danke für's Zuhören an diesem Tag, an dem es sieben Millionen wichtigere Dinge als RSS-Seminare gibt. Vielen Dank an alle, die mir Informationen, Links und Materialien zugesteckt und mir bei der Vorbereitung geholfen haben. Das war nicht umsonst.

Demnächst, in diesem Theater...

Trackbacks sind Links von anderen Weblogs auf diesen Eintrag.

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Dubium sapientiae initium: Surfing the Blogroll II (14.03.04 16:49)

 

Auch wenn es nicht unbedingt tröstet: Das ist das Schicksal der Pioniere. Aber Sie haben es ohnehin erkannt: Komplexe Themen lassen sich nur über den Nutzenaspekt "verkaufen".
Ich erlebe gerade etwas ähnliches mit einem Vortrag über "Weblogs - PR-Instrument oder Online-Spielzeug", den ich am Dienstag halten werde (vor PR-Kollegen): 30 Anmeldungen. Ein anderer Vortrag (dieselbe Zielgruppe) mit dem Titel "Die Kunst der Selbstdarstellung": 100 Anmeldungen
Manchmal liegt wohl auch am Thema selber, nicht nur an der Auspreisung.

Markus B. Pirchner am 12.03.04 06:34 #
 

So als Idee zu beidem: Leute sind bereit zu "zahlen", wenn sie wissen, was sie kriegen. Ein Seminar "Ich erklär Dir, was X ist. es ist jedenfalls toll." ist da sozusagen neben dem Bedarf.
Aber: "Du hast doch ein Problem mit Y, ich zeig Dir, wie Du das hinkriegst." zielt auf ein klares Bedürfnis.
Z.B. ist das 'Problem' aktuell im Online-Bereich v.A. E-Mail, ihre Gefahren, aber auch das 'Management'd es Fkusses (für Individuen und Gruppen). KLar ist das nicht innovativ; aber E-Mail war nahezu immer das am regelmäßigsten genutzte Netz-Medium. wer nicht surft, online-shoppt, chattet oder wasauchimemr - mailen tut nahezu jeder. Und für Leute, dei früher nie nen PC auf dem Scheibtisch hatten sondern nur Vorlagemappen ist E-Mail ein echtes Problem.

End of sales pitch ;)

Weblogs, RSS, wikis etc sind spannendes Neuland, aber in der Tat 'noch' nicht das Gebiet von Leidensdruck.

Oliver Gassner am 12.03.04 10:03 #
 

Bei einem solchen (relativ) neuem Thema reicht das Ausschreiben alleine auch nicht und die Auslobung "RSS für die Kommunikation mit Wirtschaftsjournalisten" war dabei nicht gerade hilfreich, die Zielgruppe nicht klar angesprochen!

Sie sollten einen Workshop zum Thema (koennen wir gerne auch gemeinsam machen) noch einmal denen anbieten, die das noetige Problem- bzw. Loesungsbeduerfnis haben und es dann in die Pressestellen (und Vorstaende) der Unternehmen hineinverkaufen koennen.

So schrieb mir erst kuerzlich ein Pressesprecher: Lieber Herr Martin, ich gehoere zu den gluecklichen, die noch ohne eMail auskommen .. (per Fax, natuerlich ...)


Hugo E. Martin am 12.03.04 14:51 #