10. März 2004

[ Technologie , Trends ]

Life-Feed

Eine kleine Technologievision.

Nova Spivack schreibt:

It would be cool if there was a way to automatically make and serve an RSS feed from my daily IE history -- this feed would be a running stream of every URL I look at every day. (...) You people out there (...) could then subscribe to my feed and see all the interesting stuff I looked at today.

Auf longbets.org läuft eine Wette:

That by 2020 a wearable device will be available that will use voice recognition capability and high-volume storage to monitor and index conversations you have or conversations which occur in your vicinity for later searching as supplemental memory.

  • Wir können immer einfacher immer mehr aufnehmen, weil die Aufnahmegeräte da und verfügbar sind.
  • Wir können das Aufgenommene immer leichter speichern, weil Speicherplatz immer billiger wird.
  • Und wir können das Gespeicherte immer leichter verfügbar machen, weil Bandbreite und Tools dafür da sind.

Das führt dazu, dass wir irgendwann alles aufnehmen und theoretisch auch alles verfügbar machen können.

Wir fangen heute mit Moblogs und Weblogs an und dokumentieren in Bild- und Textform, was passiert. Schon das führt dazu, das manche Leute (so wie sie) ein praktisch komplettes Archiv ihres Lebens haben werden.

Die Bilder werden hochauflösender und zahlreicher werden, die Kameras ubiquitär, irgendwann wird der User nicht mehr entscheiden, wann er aufnimmt, sondern wann er nicht aufnimmt, weil der Speicher so billig und das Verpassen von Momenten zu teuer ist. (Ein Audiorecorder, der genau so funktioniert und immer die letzten 30 Sekunden speichert, ging vor ein paar Tagen durch die Blogs. Hat noch jemand einen Link?)

Aus den statischen Bildern wird Video und Ton kommt dazu. Alles wird gespeichert, indiziert und kann von mir mit semantischen Queries wieder abgerufen werden. "Was hat Joseph im Gespräch letzten Sonntag über IBM gesagt?" Der Rechner wird es mir mit Bild und Ton abspielen und die Website aufrufen, auf die sich Joseph bezogen hat.

Alles, was für mich verfügbar ist, kann ich auch anderen verfügbar machen. Wenn ich will, können meine Freunde "die Welt mit meinen Augen sehen". Meine Mitarbeiter können meine Gespräche mit Kunden mithören oder später auf sie zurückgreifen. Meine Browserhistorie kann ich vernetzt mit meinem Wikiblog ins Netz publizieren.

Natürlich wirft das allerhand Sicherheits- und Privacy-Probleme auf. Die werden wir lösen. Sie halten die Entwicklung nicht auf, im Gegenteil.

2020. Mein Leben als Feed.


Further Reading:

Danke an Rainer Wasserfuhr mit dem zusammen vor reichlich zwei Jahren die ersten Gedanken zu dem Thema entstanden sind. (stromschnellen: "lifestream". Heute offline.)
Trackbacks sind Links von anderen Weblogs auf diesen Eintrag.  

Das Problem werden nicht die Privacy- und Sicherheits-issues sein.. sondern die Frage: Wer soll dem Ganzen noch folgen!?! Wenn ich schon genug damit zu tun habe, die Informationen zu verarbeiten, die in meinem Leben auf mich einströmen - warum und wie zum Henker soll ich dann auch noch die Informationen aufnehmen, die mir Martin Roell oder Billmon oder XYZ durch einen quasi-life-und-ungefiltert-feed zur Verfügung stellt?
Dass Du oder Billmon oder XYZ das prinzipiell willst (mir relevante Informationen zur Verfügung zu stellen), ist verständlich (und mir geht es mit meinem BamBlog nicht anders.. :)) - aber wer soll es verarbeiten?

fragt sich

Jan

Jan Schmidt am 11.03.04 01:10 #
 

Genau Jan. Das führt dann wohl zum Overflow im Gehirn. Und das freut sich dann ungemein, mal wieder einen Fluss oder ein Kaminfeuer zu betrachten. Endlich kein Input im Sekundentakt.

Gerd am 11.03.04 11:23 #
 

Also für mich hört sich das ganze wie eine Alptraum-Vision an. Und hat nicht letztes jahr schon jemand ne wearable cam rausgebracht, die auch audio abspeichert und es dem user erlaubt auch noch text- und sprachnotizen an die konversationen anzufügen?
wobei immer noch fraglich ist wer das braucht. sinnvolle gesprächs, mnemo- und lernpraktiken lassen sich nicht einfach durch technologie ersetzen. nebenbei lebt informationsaufbereitung doch gerade auch von selektionsleistungen.
die history von irgendjemandem der pro tag 8-14 stunden am rechner sitzt als ungefilterten rss feed zu sehen reizt mich nicht gerade, und ich sehe da auch keine aussage. ausserdem will ich gar nich wissen welche mp3s oder pron sich da nun wer ansieht oder auch nicht 8-)

Moe am 11.03.04 11:50 #
 

Googol - namensgebend an diesem Buch ist der Informationsspeicher, der dort auf den letzten 50 Seiten endlich erreicht wird, und in dem genau das passiert, was Du Dir hier vorstellst.

Isotopp am 11.03.04 22:28 #
 

Solche Instrumente sind - abgesehen von allen sicherheits- und datenschutztechnischen Risiken - nur dann sinnvoll, wenn sie Mittel (welcher Art auch immer) zur Selektion und Strukturierung der Inhalte mitliefern. So funktionert unser Gehirn aus guten Gründen ja auch.

Ist für mich genau dasselbe wie die Archivierung der eigenen E-Mail-Korrespondenz: Sie kann sehr hilfreich sein, aber nur dann, wenn man entweder alles Unwichtige sofort löscht und das Wichtige z.B. in einer Ordner-Struktur übersichtlich ablegt oder man es über eine gute Suchfunktion im Bedarfsfall jederzeit aus dem Datenberg herausfischen kann.

Stefanie Schulte am 12.03.04 17:04 #