13. Februar 2004

[ Kommunikation ]

Netzbeziehungen sind nicht symmetrisch

Die Anzahl der Einladungen zu Freundesnetzwerken und Anfragen zu Kooperationen ist wirklich schmeichelhaft, aber so geht das nicht.

Liebe Leute: Seid mir nicht böse. Aber ich kenne Euch gar nicht!

In der richtigen Welt funktioniert das ziemlich stabil: Wenn A B "kennt", "kennt" normalerweise auch B A. Aber wenn ich hier schreibe und ihr das lest, ist das ganz anders! Ihr lernt mich kennen. Aber nicht umgekehrt!

Auftritt: Kommentare. TrackBacks. E-Mail. Instant Messaging. Hurra! Jetzt wird schon mehr draus. Ich sehe echte Menschen und nicht nur Strichlisten in der Logfile-Analyse. Aber bis daraus eine echte, einigermaßen symmetrische Beziehung entsteht, braucht es Zeit. Sehr viel Zeit.

Hilfreich ist es, wenn der andere ein Blog schreibt. Extrem hilfreich sogar, wenn es interessant ist. Klar: A liest B, B liest A, sie lernen sich kennen noch ohne direkt viel miteinander zu reden, und nach und nach entsteht eine Beziehung. Oder auch nicht.

Aber ansonsten?

Orkut Yes/No-Knöpfe Jetzt stapeln sich bei mir die Orkut-Einladungen in der Mailbox. Von Leuten, deren Namen ich zwar kenne, aber über die ich gar nichts weiß. Sie haben ein paarmal bei mir im Weblog kommentiert, manche schreiben Blogs, die ich aber nicht regelmäßig verfolge. Und jetzt sollen wir Orkut-"friends" werden. Und ich muss binär antworten ob sie "friend=yes" oder "friend=no" sind. (Das ist total furchtbar! Aber darüber werde ich ein andermal weinen, sonst wird dieser Eintrag zu lang.)

Leute: Seid mir nicht böse. Das geht so nicht. Vielleicht habt ihr das Gefühl, mich zu kennen, aber 1) Ihr kennt mich überhaupt nicht. Null. Und 2) Glaubt ihr wirklich, dass es irgendeinen Sinn macht, wenn ich Euren Namen auf meine Orkut-Liste setze, wenn ich Euch gar nicht kenne?

Mal abgesehen davon, dass diese Plattformen eh noch völlig Sinn-los sind und rein gar nichts auf ihnen passiert: Was soll ich denn tun, wenn plötzlich einer meiner "friends", einer, den ich wirklich kenne, mich plötzlich auf Euch anspricht: "Hey Martin, Du kennst ja X. Meinst Du ich sollte ihn für mein Projekt einspannen?" und ich dann dastehe mit einem "Du, weißt Du, ich kann da gar nichts sagen, weil ich den eigentlich ja gar nicht kenne." Das hilft überhaupt nichts!

Leute: Wenn ihr mich kennenlernen wollt, dann lernt mich kennen. Dann, später, können wir uns mal darüber unterhalten, ob wir das in einer XML-basierten Datenbankapplikation mit komischem Namen ablegen. Aber bis dahin werde ich immer wieder auf "No" klicken und dabei Schmerz empfinden.

Nichtmal eine kleine Nachricht kann ich dazuschreiben. Nur "No." Und auf der anderen Seite sitzt wer, der das womöglich als ein "Martin mag mich nicht" rezipiert. Dabei weiß ich nichtmal, ob ich ihn nicht mag. Ich kenne ihn ja gar nicht.

Further Reading:
Playing around with Orkut (25. Januar 04)
Beziehungen, echt und digital (3. Februar 04)

Trackbacks sind Links von anderen Weblogs auf diesen Eintrag.  

Ich kenne das noch aus der Grundschule.

Bist Du mein Freund?
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Heiko Hebig am 13.02.04 18:54 #
 

kann ich total nachvollziehen, da hing ich gestern auch den ganzen tag dran. das system ist viel zu wenig differnziert. ich würde mir z.b. eine unterscheidung zwischen freunden und bekannten oder ähnliches wünschen. vielleicht bin ich da auch pingelig, aber es gibt halt leute (eigentlich die meisten), die kennt man nur vom kurzen vorbeiklicken (was ja nicht unbedingt unsympathisch sein muss), aber die laufen dann für mich eben eher nicht unter "freunde" und ich würde sie deshalb auch nicht auswählen.

jupp/kellerkind am 14.02.04 09:31 #
 

Ganz so dramatisch sehe ich das zwar nicht, aber natürlich können Orkut, Open BC und andere Social Networks sehr schnell einen Hauch von Spam erhalten.

Jeder muss für sich selbst entscheiden, wen er/sie als "Freund" betrachtet. Vermutlich sollte man bei Orkut (inzwischen) Freund eher mit "guter Kontakt" oder "durchaus interessant" übersetzen.

Orkut ist sicherlich noch ganz am Anfang seiner Entwicklung und bietet nur spärliche Funktionalitäten. Hingegen halte ich das kostenpflichtige Open BC schon für relativ ausgereift. Darüber lässt sich sogar ganz gut "Business" machen.

Wer "bekannt" ist, wird mit dem weiteren Wachstum der Social Networks zurechtkommen und seine ganz eigenen Umgangsformen entwickeln müssen ...

Klaus Eck am 14.02.04 13:28 #
 

Mit Spam will ich meine Gedanken nicht in Verbindung gebracht wissen. Mit Spam hat das nichts zu tun. Und die sprachliche Unterscheidung zwischen "friend" und "Freund" sollte doch eigentlich klar sein. Ich rede ganz bewusst nicht von "Freunden", sondern eben von "friends".

Martin Roell am 14.02.04 13:46 #
 

es gibt erfindungen die ich nicht brauche und es gibt erfindungen die die welt nicht braucht. ich bin mir zur zeit nicht sicher an welchem ende ich diesen kram ansiedeln moechte. anscheinend bin ich einfach schon zu alt fuer diese welt.

Gerald am 14.02.04 16:11 #
 

naja, dass ross m. mich ei orkut als freund angelinkt hat, hat mich nach 3 blogkommentaren, 2 emails und 10 min chat schon auch irritiert... ofenbar heisst friend doch was anderes. das hat mich '88 im college schon irritiert...

Oliver Gassner am 15.02.04 21:00 #
 

Hier noch ein interessanter Weblog-Eintrag zum Thema!

Irene am 16.02.04 14:11 #
 

Ich nutze seit einiger Zeit intensiv openBC und sehe gerade das "Wer ist mit wem befreundet"-Feature nicht als *den* zentralen Vorteil an.

Es ist zwar nett und teilweise auch praktisch, mindestens genauso nützlich finde ich aber die "oldschool"-Suchfunktion nach Region, Interessen, Branche, Unternehmen, vorherige Unternehmen etc. und die unkomplizierte Kontaktaufnahme.

Ja, das hat es zwar vorher auch schon gegeben, allerdings nicht mit so hohen Teilnehmerzahlen (die wiederum durch den Netzwerk-Gedanken entstehen).

Nico Zorn am 19.02.04 12:57 #
 

Netizens suchen immer die Gesellschaft von Personen, die einen Pagerank <5 haben ;-)

Arne Trautmann am 19.02.04 21:15 #