7. Januar 2004

[ Internet ]

"Weniger File-Sharing in den USA" - Ach?

Heise gibt unkritisch die Umfrageergebnisse der Pew-Studie zum Musiktausch über das Internet wieder: Studie: Weniger File-Sharing in den USA.

Dem Projekt gegenüber gaben zum Jahresende nur noch 14 Prozent der Internet-Nutzer an, Filesharing-Programme zu verwenden (...) Vor einem Jahr waren es noch 29 Prozent.(...) Nur noch ein Prozent der Befragten -- im Vergleich zu vier Prozent im vergangenen Jahr -- gab zum Jahreswechsel an, sich Songs aus dem Internet geladen zu haben.

Pew glaubt auch wirklich selbst, mit seiner Befragung etwas über Nutzung der Tauschbörsen auszusagen:

A new nationwide phone survey of 1,358 Internet users from November 18-December 14 by the Pew Internet & American Life Project showed that the percentage of music file downloaders had fallen to 14% ....

Ich halte die Studie für großen Blödsinn. Da macht man Telefoninterviews und fragt: "Nutzen Sie Tauschbörsen?". Und "Laden Sie sich Songs aus dem Internet herunter?". Und dann vergleicht man die Zahlen von vor der Klagewelle der Musikindustrie gegen Tauschbörsennutzen mit denen nach der Klagewelle und behauptet unreflektiert, die Nutzung wäre wegen der Klagen zurückgegangen!

Ich denke die Sache ist viel einfacher: Nach den Klagen neigt der von Pew Angerufene einfach nicht mehr besonders dazu, die Frage "Laden Sie Musik aus dem Internet?" nicht mal locker mit "Ja" zu antworten.

Die Studie sagt ausschließlich etwas über das Antwortverhalten der telefonisch Befragten aus, aber überhaupt nichts über Musiktausch im Internet.

[Nachtrag] Im Pew-Text ist das doch noch zu finden:

there may be a fraction of Internet users who are simply less likely to admit to either downloading music or sharing files due to the negative media portrayal of the activity.

Diese Einsicht scheint aber nicht in die sonstige Interpretation der Ergebnisse eingeflossen zu sein.

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Ja, Mann hey, die Leute bei Pew können die Studie ja deswegen nicht gleich komplett in die Tonne kloppen. Schließlich ist die Umfrage bezahlt worden, also muss auch was raus kommen :-)

Und in ihrer Methodik scheinen sie ja ziemlich festgelegt zu sein, es gäbe ja noch andere Möglichkeiten, das zu untersuchen. (Bei dial-up Verbindungen mit dynamischer IP-Adressenvergabe kommen zum Beispiel oft noch Anfragen auf den einschlägigen Ports an, weil der "Vorbesitzer" eine Tauschbörse benutzt hat, und die IP-Adresse im Tauschnetz noch bekannt ist. Man könnte regelmäßige Stichproben über einen längeren Zeitraum machen. Oder direkt bei einem Provider den Traffic analysieren, was natürlich datenschutzrechtliche Probleme aufwerfen würde.)

BTW Leute, die die Pew-Studien selber lesen und weiter verbraten, werden in der Regel Wissenschaftler sein, und die müssen natürlich ihre Quellen selber bewerten und interpretieren. Pew sieht seine Zielgruppe IMHO nicht beim Endverbraucher.

Der eigentliche Gag an Pew ist ja, dass sie thematisch sehr in die Breite gehen, und Paneldaten erheben (die selben Leute über einen längeren Zeitraum immer wieder befragen). Von daher sind sie durchaus eine wertvolle Quelle, und man bekommt sogar die Rohdaten im SPSS-Format, und kann sie dann selber auswerten (vorausgesetzt, man hat Windows und SPSS ...). Alles in allem ist es schön, das es Pew gibt, und schade, dass es sowas für Europa nicht gibt, jedenfalls kenne ich da nichts.

Was heise angeht, gebe ich Dir allerdings völlig recht. Etwas mehr Sorgfalt hätte ihnen gut zu Gesicht gestanden.

Markus Glötzel am 07.01.04 16:25 #