26. November 2003

[ Wissensmanagement ]

KM Europe 2003 - So war's.

Die Programmbroschüre der KM Europe 2003, fotografiert in einem wirklich langweiligen Vortrag

Lilia Efimova:

"That was a strange conference. If I think along content vs. networking scale it was much about networking. Or networking and peer-generated content. I'm sure I've learnt more from talks around coffee, food and walking in Amsterdam than from the formal program."

Die KM Europe 2003 fand vom 10. bis 12. November in Amsterdam statt.

Nachdem man sich im letzten Jahr bei der Auswahl der Location gründlich vergriffen hatte, wählte man dieses Mal das RAI-Konferenzzentrum, das zwar wenigstens warm, aber ansonsten den Anforderungen der Konferenz auch nicht gewachsen war.

Die KM Europe ist eine Konferenz mit angeschlossener Messe, die vor allem von Softwareherstellern finanziert wird. Der Eintritt zur Messe und zu den Vorträgen ist kostenlos, nur die großen Keynotes kosten extra, man zahlt dann z.B. 50 (?) Britische Pfund, um Dave Snowden oder Verna Allee zuzuhören.

Dieses Jahr verlief die Messe für mich anders als das letzte Mal: Während ich mich letztes Jahr noch ziemlich viel zwischen den Softwareständen herumgedrückt und mir Salespitches der Hersteller angehört hatte, um die Zeit zwischen den interessanten Vorträgen totzuschlagen, bin ich dieses Jahr an genau einem Softwarestand gelandet. An den anderen bin ich nichtmal vorbeigekommen! Ich hatte vor allem eine Kaffeetrink-Konferenz.

Aber fangen wir am Anfang an:

Nach der Ankunft in Amsterdam am Samstag, Verrenken meines Rückens beim Hochtragen meines Koffers in den vierten Stock über die schmale Treppe meines wunderbaren kleinen Hotels und einem Spaziergang durch Stadt, einige Bars und das Rotlichtviertel, ging am Sonntag die "Arbeit" los. "Arbeit" bedeutet: Ich hatte die Freude, den Tag mit Lilia Efimova verbringen zu dürfen und bei einem Besuch im Niederländischen Schiffahrtsmuseum und auf einigen Kilometern Spaziergang durch die Altstadt extrem viel zu reden, zuzuhören und zu lernen.

Abends gab es irrsinnig gutes tibetanisches Essen mit Lilia, Angela Nobre, einer Semiotikerin aus Portugal und Olga Karlyukova, einer Soziologin aus Moskau.

Der erste Konferenztag begann mit zwei sehr ätzenden Vorträgen von Softwareherstellern. Vom Vortrag des Abgesandten von Verity hätte ich gerne ein Video, denn damit hätte ich eine fast perfekte Demonstration eines Vortrags mit dem man jegliche menschliche Beziehung zu seinen Zuhörern garantiert abtötet.

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Im Vortrag von Verity.
"Ich sage Euch nicht, wer ich bin, aber ich sage Euch, was andere (die wir dafür bezahlt haben) über die Organisation gesagt haben, die mein Gehalt bezahlt."

Vielleicht bin ich inzwischen wirklich endgültig zum Weichei geworden, aber ich kann Vorträge, die damit beginnen, mir Umsatz- und Mitarbeiterzahlen vorzuzählen und in Liniencharts einzupieken und Kompetenz damit begründen, dass man groß sei ("We are big.") und genug Geld habe, um jeden, der etwas Innovatives entwickelt, aufkaufen zu können ("... and as you can see we have enough liquidity to buy up..."), einfach nicht mehr hören.

Der Vortrag von Verity war noch in anderer Hinsicht erstaunlich: Da steht das Wort intellectual capital im Titel des Vortrag ("Maximise the return of your intellectual capital", yeah baby) und dann geht es ausschließlich um über in Datenbanken gespeichertes Wissen, vor allem in Dokumentform. Zitat: "All your organisation's knowledge is already there, you just have to find it!" Ich kam mir ein wenig vor wie im falschen Film.

Damit war ich nicht der einzige, und damit kommen wir zum Kaffeetrink-Part: Auf der KM Europe liefen eine Menge hochinteressanter Leute herum und dank Blogosphere- und Knowledgeboard-Magie und den Networking-Talenten aller Beteiligten kannten sich sehr viele schon bzw. konnten sie sich sehr schnell kennenlernen.

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Lilia Efimova unterhält sich mit David Gurteen

Neben ein paar alten Bekannten, wie Ton Zijlstra, David Gurteen und Olaf Brugman, den ich gerade zwei Wochen vorher in Brüssel das erste mal persönlich getroffen hatte, waren da Lee Bryant (mit einer ganzen Reihe von Notizen zu Vorträgen und einem schönen Amsterdam-Foto), Martin Dugage (ebenfalls mit ausführlichen Notizen), Sam Marshall (ja, auch mit Notizen zur Konferenz), der einen Vortrag über das Wissensmanagement bei Unilever hielt, den ich aber leider nicht persönlich kennenlernte und eine ganze Reihe Leute, die ich "vom sehen her" vom Knowledgeboard kannte.

Trotz eher widriger Bedingungen (mäßiger Kaffee, zu wenig Sitzgelegenheiten) verbrachte ich also die meiste Zeit in Gesprächen. Mitten drin sprang immer Audran Sevrain mit seiner Videokamera bewaffnet herum und machte den Fehler, uns zu O-Tönen bewegen zu wollen, anstatt einfach die Unterhaltungen aufzunehmen, was später Thema eines eigenen Videobeitrags wurde. (Er hat auf dem Knowledgeboard aus Amsterdam "gebloggt".)

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Ton Zijlstra im Gespräch mit Magdalena Böttger

Wir haben auf diesen Konferenzen zwei Parallelwelten: Da stehen auf der einen Seite die Softwaremenschen und einige Technokraten, die sich über Taxonomien streiten und in Erregung geraten, wenn eine Content-Mining-Technik weiterentwickelt wird und auf der anderen Seite sitzen die Weicheier - die die überwiegende Mehrheit stellen! - auf der Couch und reden über Menschen, über Gespräche, über Lernen, über Knowledge-Sharing, über Netzwerke und allerhand Dinge, die einem warm ums Herz werden lassen. Viel miteinander zu tun haben wir nicht. Die Vorträge von Dave Snowden und Verna Allee ziehen die Massen an, aber zu den Softwarehäusern geht kein Mensch.

Vor einem Jahr schrieb ich, in der Reflektion über die KM Europe 2002:

"Ich glaube, es würde der Branche gut tun, wenn sich die Praktiker einmal ganz alleine treffen würden. Ohne Softwareverkäufer, ohne Forscher (...) Man würde über Erfahrungen, konkrete Probleme und konkrete Lösungen sprechen, ohne von Software mit fragwürdigem Nutzen (...) abgelenkt zu werden."

Heute würde ich das anders schreiben (vor allem die Forscher würden besser wegkommen!), aber wo ich hin will ist: Im Grund entwickelt sich so etwas schon.

Vor ein paar Tagen bin ich über ColumnTwo in einen Eintrag bei Louis Rosenfeld gefallen, der meint: "Let's have a Content Management Party!"

What if we threw a party for content management community, but didn't invite the CMS vendors? Who would show up?

(...) What if everyone involved in content management--the publications, the web sites, the meetings and conferences--banned CMS vendors for, say, one quarter? No vendor exhibitions at meetings, no product mentions on discussion lists, no CMS purchases, no nothing. Just discussion about all there is to content management besides the technologies.

Magdalena Böttger erzählte mir von ihren Erfahrungen bei ihrem Rundgang bei der Softwareherstellern: Sie hatte sich danach erkundigt, wie die Unternehmen bei der Einführung von Content Management Software vorgehen. Die meisten waren von ihrer Frage völlig überrascht und hatten nur dürftige Antworten. Wohlgemerkt: Das hier ist schon 2003! Aber die Softwarehersteller scheinen immer noch in ihrer Entwicklungs-Welt zu stecken und haben wenig von den Problemen, vor denen die Kunden stehen, wenn sie die Software tatsächlich nutzen wollen, verstanden.

Edna Pasher und Verna Allee spielen mit einer Kamera herum
Edna Pasher und Verna Allee amüsieren sich mit einem Fotoapparat.
Rechts sitzt Anne Jubert.

Kommen wir wieder zu den erfreulichen Sachen. Eins meiner Konferenzhighlights war der Vortrag über KM und Innovation von Edna Pasher und das anschließende Gespräch mit Edna bei Abendessen. Oh, das Abendessen. :-) Ja, gut war's. Und reichlich. Und die Gespräche hervorragend.

Ein weiteres Highlight war ein Vortrag der niederländischen KM-Consultancy "Squarewise". (Der Name erweckt bei mir immer so merkwürdige Assoziationen zu "Betonkopf", geht das nur mir so?) Ton Zijlstra hat schön beschrieben, was dort ablief: Es gab eine einstudierte Präsentation dreier krampfhaft witziger Consultants in atemberaubenden Tempo, ohne Atempausen und ohne das Recht, Fragen zu stellen. Man saß wie im Kino, in dem ein Hochgeschwindigkeitsfilm ablief. Nach einer halben Stunde war plötzlich Schluss und wir wurden auf einen Kaffee in die Lounge eingeladen. Dort hätte dann das Gespräch ablaufen können.

Ich weiß nicht, wie viele Leute das Angebot angenommen haben, aber es war schon einigermaßen skurril: Da wird erst eine höchst unmenschliche "automatisch ablaufende Präsentation" gezeigt und dann am Ende die Wichtigkeit menschlicher Beziehungen und Gespräche betont. Wenn sie uns in kognitive Dissonanzen werfen wollten, ist ihnen das gelungen. Ich bin dann selber durch einen Zufall später am Nachmittag mit den Consultants ins Gespräch gekommen und es zeigte sich, dass sie sich durchaus menschlich unterhalten und sogar sehr gut fragen können. Sie hatten da auch schon genug Kritik zu ihrem Vortrag erhalten, sodass ich das nicht mehr machen musste. ;-)

Was fehlt noch?

  • Das Buch 'Beyond Branding' Nicht ganz ernsthaft prognostiziert: Beyond Branding wird dank Tons exzellenter PR-Arbeit wohl neue Verkaufsrekorde aufstellen.

    John, der leider nicht auf der Messe war, schuldet ihm einen Drink.


  • Das Hotel 'Hegra' in Amsterdam an der Herengracht
    Gelernt: Hotels in Amsterdam sollte man immer rechtzeitig und nicht drei Tage vorher buchen, vor allem, wenn man über das Wochenende bleibt. Hilfreich bei der Suche war diese Seite mit Empfehlungen. Untergekommen bin ich bei Robert de Vries im Hotel "Hegra", Herengracht 269, Telefon 020 6237877. Er macht einen irrsinnig guten Kaffee, wegen dem es sich lohnt, für das Frühstück 10 Minuten extra einzuplanen. Dazu kommen dann nochmal 10 Minuten, um die beiden Hotelkatzen zu streicheln.

    Here is some Premium Content:

    Die größere der beiden Hotelkatzen des Hotel Hegra, auf einem Ledersessel thronend
    Die größere der beiden Hotelkatzen
    auf einem Ledersessel thronend.
    Selbige Katze, bei ihrem Besuch in meinem Zimmer am letzten Tag
    Selbe Katze, bei ihrem Besuch in meinem Zimmer am letzten Tag.

  • Beobachtet: In Amsterdam singen oder pfeifen sehr viele Leute, die durch die Straßen laufen oder radfahren, vor sich hin. Gleichzeitig streiten sich viele Leute auf der Straße. Lilia beobachtete, dass viele Wohnungen in den Niederlanden keine Vorhänge haben. Ist das ein Pattern? Wird "offener" gelebt, zeigt man "mehr von sich" in der Öffentlichkeit, was man hier versteckt?
  • Gestaunt: Ich muss fast niemandem mehr erklären, was ein Weblog ist.

Ich danke allen, die mich ausgehalten haben, die mir Neues beigebracht haben und von denen ich lernen durfte. Es war eine Freude, Euch zu treffen und kennenzulernen.

[09.12.2003] David Skyrme hat einen langen Bericht von der KM Europe.

Trackbacks sind Links von anderen Weblogs auf diesen Eintrag.

This is the growing list of other weblogs posts on "KM Europe" (see also conference presentations online ).

Mathemagenic: KM Europe: other weblogs (29.11.03 12:53)

 

Es ist tatsächlich so, dass in den Niederlanden die Leute selten Vorhänge vor den Fenstern haben. Und es gibt auch selten die in Deutschland so beliebten Fensterläden oder Jalousien, die man abends vor den Fenstern herunter lässt. Und das ist nicht nur in Amsterdam so, sondern landesweit. Das hängt tatsächlich mit der Offenheit der Niederländer zusammen. Vor elf oder zwölf Jahren machte ich eine kleine Rundreise durch die Niederlande und mir fielen eben die fehlenden Vorhänge auf. Als ich nachfragte, erklärte mir unsere Touristenführerin den Grund dafür: "Wir Niederländer haben einfach nichts zu verstecken. Wir wollen gern den Leuten an unserem Leben teilhaben lassen, deswegen machen wir auch kein Vorhänge vor den Fenstern." Sie hat das genau so mit diesem umwerfend charmanten Linda-De-Mol-Akzent gesagt. Ihre Aussage ist mir später auch mehrfach bestätigt worden - erst von einem niederländischen Kommilitonen auf einer Studentenfete. Und noch später von einem niederländischen Kollegen. Die drei kannten sich auch nicht. Es muss also stimmen. Auch das mit dem Pfeifen ist mir aufgefallen. Ein sehr freundliches Land, diese Niederlande. Aber wehe, man steht als Fußgänger auf einem Radweg - dann können diese sonst so freundlichen Leute recht ungemütlich werden. Aber wenn man das weiß, kann man ja im wahrsten Sinn des Wortes umsatteln. Und hat alle auf seiner Seite.

Anja Eigner am 26.11.03 23:19 #
 

Wunderschön! Ich gratuliere ihnen.

Martin am 26.11.03 23:24 #
 

km europe 2003. Thanks to Lilia and Martin I have discovered while working buy night in Amsterdam what blogging is. I was thing that blogging was only a egocentric activity, finally I see people offering time, vision, wisdom, values to others. I am now another guy !

audran am 27.11.03 11:38 #
 

Martin -- to add to your SW vendor bashing: I am running a KM course here in Aberdeen, Scotland. The course is based on the participants' case studies. And I want them to cover as many aspects of KM as possible: people aspects, organisational aspects, technology aspects ... You won't be surprised to learn that they inevitably come up with failed SW projects as soon as we start to talk about KM and technology ...

/ Peter am 27.11.03 11:46 #
 

Hi Martin,

Und meine PR Arbeit hat auch geholfen. Mein Gesprächspartner hat sich mittlerweile mit John getroffen, kommt im Jänner auch zur CBO/Beyond Branding meeting in Amsterdam, und hat nach seinem Gespräch mit John gleich ein Blog gestartet:
http://chrislawer.blogs.com/

Ton Zijlstra am 27.11.03 19:51 #