13. Oktober 2003

[ Buchmesse ]

"Weblogs sind keine Gefahr für den Journalismus"

Frankfurt, 10.10.03.
"Weblogs stellen keine Gefahr für den professionellen Journalismus dar." Das sagte Ute Miszewski, Leiterin der Unternehmenskommunikation der Spiegel-Gruppe, anlässlich eines Gesprächs zu Weblogs mit Martin Röll und Dieter Rappold am vergangenen Freitag auf der Buchmesse in Frankfurt.
Journalismus sei ein Handwerk, das gelernt werden müsse. Journalisten besuchten spezialisierte Schulen bzw. würden Ausbildungen durchlaufen, die sie befähigten, Beiträge hoher journalistischer Qualität zu erstellen. Dies sei gewöhnlichen Menschen ohne diese Ausbildung nicht möglich.

Weiterhin hätten professionelle Journalisten bessere Recherchemöglichkeiten, so seien ihnen etwa Behörden zur Auskunft verpflichtet. Ebenfalls könnten Journalisten auf umfangreiche Redaktionsarchive und -Datenbanken zugreifen und so über größere Informationsmengen zu vergangener Berichterstattung verfügen. Durch den Zugriff auf Agenturmeldungen z.B. von dpa oder ap hätten sie einen umfassenden Überblick über das Geschehen auf der Welt.

Den profesionellen Medien kommt laut Ute Miszewski die wichtige Rolle des "Informationsfilters" zu, der entscheide, welche der vielfältigen Meldungen einer größeren Öffentlichkeit zugeleitet würde. Als ein Anbieter professionellen journalistischen Contents sehe sich die Spiegel-Gruppe, insbesondere Spiegel Online, die die Website www.spiegel.de betreiben, nicht in einer Konkurrenzsituation mit Bloggern. Die Filter- und Prüffunktion, die manche Weblogs ausüben, etwa indem sie die Meldungen von Nachritenseiten wie spiegel.de weiter filtern, gegen andere Quellen abgleichen und einer spezialisierten Leserschaft zuführen, hält Miszewski für nicht relevant. Diese Filter seien lediglich Publikationen von Amateuren, die keine journalistische Funktion hätten.

Spiegel Online ist das Online-Angebot der Spiegel-Gruppe, das das Print-Magazin "Der Spiegel" ergänzt. 20 professionelle Redakteure erstellen eigene Inhalte für das Online-Portal, das in sein Archiv ebenfalls Artikel vergangener Ausgaben des gedruckten Titels übernimmt. 70% der Einnahmen stammen aus Werbung, der übrige Teil überwiegend aus Content-Syndication und Paid-Content. Besonders gut angenommen werden dabei laut Miszewski die Vor-Veröffentlichung der aktuellen Spiegel-Titelgeschichte am Samstag vor dem Erscheinen des Print-Titels am Montag und das Herunterladen von ausführlichen Themendossiers. Dieser Bereich soll in Zukunft ausgebaut werden.

Zur Zeit existieren keine Bundle-Angebote, die Spiegel und Spiegel Online zusammenführen. Das Online-Angebot ist nicht profitabel.

Herzlichen Dank für das Gespräch.

[18.10.03] Anmerkungen von Gerhard Schoolmann.

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[21.10.03] PressThink: What's Radical About the Weblog Form in Journalism? (via Stephan Schmatz)

[24.10.03] Das E-Business Weblog: Weblogs und Journalismus (Jeff Jarvis)

[25.10.03] Gerade entdeckt: Jeff Jarvis am 16.10.03 über ein Gespräch mit der NY Times über Weblogs. ("The interview of the dinosaurs")

[15.12.03] Mario Sixtus auf Telepolis: Medienrevolution oder Tagebücher- Was ist dran am Weblog-Phänomen? Einer der besten Artikel zum Thema, die ich je gelesen habe. Und das sage ich nicht nur, weil er auf mich linkt. ;-)

[17.12.03] Umfangreiche Diskussion (auch) dieses Eintrags gibt es im strohhalm.org-Forum.

[17.12.03] Bemerkungen von Ekkehard Knörer

[28.12.03] tagesschau.de: Stichtwort: Weblogs

[15.01.04] Aus dem CJR vom September/Oktober 2003: Emerging Alternatives - Blogworld - The New Amateur Journalists Weigh In

[21.10.04] Ein Jahr später.

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Ist dies jetzt eine persoenliche Zusammenfassung des Gespraeches?

tzwaen am 13.10.03 21:46 #
 

da stellt sich mir nur die frage, aus welchem grund die wenigsten journalisten ihre ausbildung und recherchemöglichkeiten zu nutzen scheinen.
außerdem habe ich in den letzten jahren, insbesondere seit dem 11.9., das gefühl, das die medien es etwas mit ihrem informationsfilter übertreiben.

kiesow am 14.10.03 10:20 #
 

was fuer eine gefahr sollte denn von weblogs ausgehen? ich sehe die eher als chance. aber das wissen die meisten journalisten laengst und holen sich ihre topthemen aus den daypop top 40.

kris am 14.10.03 13:25 #
 

> Journalismus sei ein Handwerk, das gelernt werden müsse.

Das ist klingt nach dem Pfeifen im Walde. Eine gute Ausbildung schützt einem vor garnichts, das muss ich jeden Tag wieder in der IT-Branche feststellen. Hier gibt es soviele Leute ohne Ausbildung die einzig über den Preis verkaufen. Die Kunden informieren sich bei denen, die es wissen und kaufen dann woanders. IT ist beliebig und austauschbar geworden und genau das steht auch den Journalisten/Schreiberlingen bevor.

Früher konnte man nur über Zeitungen an Informationen kommen, das ist heute vollkommen anders. News und allgemeine Nachrichten bekommt man an jeder Ecke für Lau.

Auch das Verlagswesen wird als nächstes durch P2P in Bedrängnis kommen, weil viele Leute in den meisten Publikationen keinen echten Gegenwert mehr sehen und ein einheitliches Ebook-Format erfolgreich gestorben wurde von den Verlagen. Nun suchen sich die Kunden eben ihr eigens Format. Selber Schuld.

Joern am 14.10.03 16:42 #
 
"Weiterhin hätten professionelle Journalisten bessere Recherchemöglichkeiten ... ebenfalls könnten Journalisten auf umfangreiche Redaktionsarchive und -Datenbanken zugreifen und so über größere Informationsmengen zu vergangener Berichterstattung verfügen."

Das bedeutet aber noch lange nicht, dass sie deshalb bessere Informationen liefern, auch wenn es sich so anhört. Eines meiner Hobbies ist Raumfahrt/Astronomie, und da von "professionellen" Journalisten geschrieben wird, geht oft auf keine Kuhhaut. Ich habe schon früh gelernt, mich auf Quellen wie Usenet und (später) WWW zu verlassen.

Michael am 14.10.03 18:29 #
 

Das ist das, was zwischen den Zeilen zu lesen ist: "Wir haben nicht bgeriffen, dass Weblogs eine sinnvolle Ergänzung eines journalistischen Angebots sein können und tun sie deshalb als marginal ab."

: "Ist dies jetzt eine persoenliche Zusammenfassung des Gespraeches?"

Eben das ist ja der 'Witz' es ist ein Blogartikel im Pressestil.

Dass das Textchen nicht von einem Journalisten stammt, merkt man nur an Marginalien wie 'bzw.', die den Blattschreibern frühzeitigst abtrainiert werden ;).


oliver gassner am 15.10.03 11:05 #
 

Etwas viel Missachtung der Blogosphere, die nicht gerade mit allzu viel Kenntnissen über die Bloggerwelt ausgezeichnet zu sein scheint.

Warum sollten Weblogs überhaupt eine Gefahr für den Journalismus darstellen? Das Bloggen ist doch vielmehr ein Substitut; es ergänzt die journalistische Arbeit vorteilhaft. Schließlich profitieren Journalisten allerorten vom Bloggen: bei der Recherche, durch die Reaktionen auf Ideen und nichtzuletzt im Self Marketing.

Klaus Eck am 15.10.03 20:57 #
 
"Weblogs stellen keine Gefahr für den professionellen Journalismus dar."
Der Meinung war ich bisher auch. Nur jetzt, da dies von einer Journalistin so stark betont wird, kommen mir deutliche Zweifel!!
Journalismus sei ein Handwerk, das gelernt werden müsse. Journalisten besuchten spezialisierte Schulen bzw. würden Ausbildungen durchlaufen, die sie befähigten, Beiträge hoher journalistischer Qualität zu erstellen. Dies sei gewöhnlichen Menschen ohne diese Ausbildung nicht möglich.
Ja, sollte man meinen! Aber es ist wie überall. Nicht jeder, der ein Handwerk gelernt hat, beherrscht es auch und es gibt durchaus Naturtalente, die auch ohne Ausbildung in der Lage sind, ihre "ausgebildeten" Handwerkskollegen in den Schatten zu stellen...
Weiterhin hätten professionelle Journalisten bessere Recherchemöglichkeiten, so seien ihnen etwa Behörden zur Auskunft verpflichtet. Ebenfalls könnten Journalisten auf umfangreiche Redaktionsarchive und -Datenbanken zugreifen und so über größere Informationsmengen zu vergangener Berichterstattung verfügen. Durch den Zugriff auf Agenturmeldungen z.B. von dpa oder ap hätten sie einen umfassenden Überblick über das Geschehen auf der Welt.

Den profesionellen Medien kommt laut Ute Miszewski die wichtige Rolle des "Informationsfilters" zu, der entscheide, welche der vielfältigen Meldungen einer größeren Öffentlichkeit zugeleitet würde.


Klar, die fast uferlosen Recherchemöglichkeiten sind der große Trumpf der Profis. Was sie aber noch lange nicht zu besseren Schreiberlingen macht! Vor allem, wenn durch lauter Filterei (und Sinnentstellerei) von der eigentlichen Information nicht mehr viel übrig bleibt!!
Als ein Anbieter professionellen journalistischen Contents sehe sich die Spiegel-Gruppe, insbesondere Spiegel Online, die die Website www.spiegel.de betreiben, nicht in einer Konkurrenzsituation mit Bloggern. Die Filter- und Prüffunktion, die manche Weblogs ausüben, etwa indem sie die Meldungen von Nachritenseiten wie spiegel.de weiter filtern, gegen andere Quellen abgleichen und einer spezialisierten Leserschaft zuführen, hält Miszewski für nicht relevant. Diese Filter seien lediglich Publikationen von Amateuren, die keine journalistische Funktion hätten. [...]
In diesem Punkt hat die Dame wirklich uneingeschränkt Recht! Wenn man Journalismus als das versteht, was er ist: der Verkauf verstecktsubjektiver Informationsinterpretation, haben Weblogs tatsächlich keinerlei journalistische Funktion und sind damit logischerweise auch keine Konkurrenz!


Matthias

msd am 15.10.03 23:07 #
 

http://www.dotcomtod.com/modules.php?name=News&file=article&sid=11407&mode=flat&order=1&thold=-1

Diese Zitate sind einfach göttlich!

Don Alphonso am 04.11.03 03:48 #
 

Don, warum verlinkst Du denn da auf h-blog? Das Zitat, das Du anführst, stammt doch von hier! Das mit den "versammelten Bloggern", was Du schreibst, stimmt übrigens nicht: Das war nur ein Gespräch zwischen ihr, mir und Dieter Rappold, das auf meine Anfrage hin zustandegekommen ist.

Martin Roell am 04.11.03 12:37 #
 

Hab´s zuerst bei h-blog entdeckt - und inzwischen aktualisiert. Sorry.

Don Alphonso am 04.11.03 13:20 #
 

Guck mal, Martin, Telepolis linkt.

Oliver Gassner am 15.12.03 11:12 #
 

Ja, schon gesehen. Willkommen, Telepolis-Leser! Wenn Ihr Fragen habt: Nur zu!

Martin Röll am 15.12.03 11:23 #
 

Mirros, yes. And sometimes smoke. It gets to the point where they (professional media) think the only stories are the ones that they have. And they reflect them.

Fitting description, I think.

Taran am 11.01.04 17:11 #