4. September 2003

[ Innovation und Wandel ]

Von Wind, Mauern und RSS

Wenn der Wind der Veränderung weht, bauen die einen Windmühlen und die anderen Mauern.

Dieser Tage kann man dabei in Blogland zusehen: Der Wind, der weht, heißt RSS und die Debatte dreht sich z.B. darum, ob RSS in Zukunft E-Mail Newsletter ersetzen kann. Weiß irgendjemand, ob es so kommen wird? Natürlich nicht. Weiß irgendjemand, ob es nicht so kommen wird? Auch nicht. Also spekulieren wir. Wir sammeln Argumente pro und contra, wägen sie ab und ziehen einen Schluss, wagen eine Prognose. Oder?

Ja. Nein. Wir sollten das wohl so machen: Einigermaßen rational die einzelnen Punkte auseiandernehmen, wieder zusammensetzen und dann eine Investitionsentscheidung über Windmühlen fällen. Aber wir tun es nicht. Denn irgendetwas ist da, was uns am Alten festhalten lässt. Warum eigentlich soll das Neue besser sein als das Alte? "Das hat schon immer funktioniert, warum soll was anderes kommen?" Oft ein berechtigter Einwand: Selbst wenn das neue in irgendeiner Weise besser ist als das Alte, muss das nicht bedeuten, dass es sich durchsetzen wird. Veränderung ist ein Puffer. Die Welt besteht aus träger Masse. Aber in unserer RSS-Debatte passiert gerade was anderes.

Hören wir mal rein:

"Nun, ich halte den RSS-Hype (...) für ziemlich übertrieben. (...) Man sollte mal eine Umfrage machen, wer E-Mail und Newsletter kennt (und nutzt) - und wer RSS. Zweifellos hat die Syndizierung per RSS Vorteile, aber 99 Prozent der Internetnutzer können damit nichts anfangen und kennen nur E-Mail und Web."

(Markus Stolpmann bei Carola Heine)

"Es kennt keiner RSS und deshalb kommt es nicht"? Wieviele Leute kannten vor 7 Jahren noch kein Internet? Wieviele vor 5 Jahren kein Google?

"wer rss kennt, ist schon so fit im netz, dass er seinen emailer so bedienen kann, dass alle wichtigen newsletter in einer box landen."

oder

"wenn mir ein newsletter wirklich was bedeutet, dann stelle ich meine filter so ein, dass er besonders hervorgehoben wird."

(kris bei mir in den Kommentaren)


Beides wahr. Aber kein Argument gegen eine Verbreitung von RSS.

Sicher: Es gibt jede Menge Ansätze, man die Problematiken des Spamfilterns oder des "News noch erhalten trotz Spamfilterung" auch ohne RSS lösen kann. Aber das ist gar nicht wichtig! Wenn RSS die Probleme löst und dabei einfacher zu bedienen ist, als die alte Technik (und vielleicht sogar noch andere Vorteile hat), hat es gute Chancen, sich durchzusetzen.

Die Argumentationen für das Alte laufen oft Gefahr, zu einer Appeal to Tradition-Fallacy zu werden. (Danke an Haiko Hebig für die Links zu "fallacies".) Es ist zwar richtig und wichtig, die Vorteile oder Problemlösungsmöglichkeiten des Alten zu betrachten, aber allein aus ihrer Existenz die Schlussfolgerung zu ziehen, das Neue würde nicht benötigt, ist fahrlässig.

Es geht aber auch noch schlimmer, und zwar wenn man an alten Geschäftsmodellen klebt. Wieder Markus Stolpmann bei Carola Heine:

"Übrigens sind die eDings-Zugriffszahlen nicht gesunken nach der Einstellung des RSS-Feeds, sondern gestiegen. Ein Beweis dafür, dass RSS eben keine Besuche generiert, sondern eher Besuche überflüssig macht."

Abgesehen davon, dass nie jemand behauptet hat, RSS würde "Besuche generieren", ist es völlig egal, was mit den Zugriffszahlen passiert. Entscheidend ist, was hinten rauskommt, pardon, was beim Nutzer ankommt. Wen kümmern die "Besuche"?

Oh, sorry, die Werbepartner: ;-)

"Auch die Geschäftsmodelle der E-Mail-Marketing-Unternehmen basieren darauf, dass man pro versendeter Mail zahlt. RSS als zusätzliches Angebot mag ein interessantes Add-on sein, aber wenn Du von "Publishern" sprichst, dann wollen die eben die Kontrolle nicht abgeben. "

Who cares? Das Geschäftsmodell funktioniert nach der Anzahl der versendeten E-Mails? Dann ist das ein schlechtes Geschäftsmodell. Die Publisher wollen die Kontrolle nicht abgeben? Pech. (Sie geben die Kontrolle eigentlich gar nicht ab - am XML können sie ja sogar nachträglich noch rumbasteln, wenn es schon ausgeliefert ist, das geht bei E-Mails nicht.)

Ich will gar nicht "beweisen", dass RSS jetzt kommt oder E-Mails ablöst oder sonst irgendeine Revolution auslöst. Ich will nur darauf hinweisen, dass hier gerade etwas am Gange ist, was das Potential hat, große Veränderungen herbeizuführen und dass man besser beraten ist, sich damit zu beschäftigen. Dass das Neue unbekannt ist, das Alte die Probleme auch lösen kann oder ebenfalls alte Geschäftsmodelle (wem nützen die eigentlich?) dann nicht mehr funktionieren, sind alles keine Argumente dafür, dass die Veränderung nicht kommt!

Wir dürfen nicht den Fehler machen, aus irgendwelchen Gründen zu "Bewahrern" zu werden und konservativ das Alte verteidigen. Wir sollten offen gegenüber dem Neuen sein und es frei von Vorurteilen analysieren. Dem Wandel ist es völlig egal, ob wir für ihn sind oder gegen ihn. Er kommt dann einfach.

Trackbacks sind Links von anderen Weblogs auf diesen Eintrag.

Neue Diskussion im Bloggerland: Wird RSS E-Mail ersetzen? Zumindest im Newsletterbereich? Sprich, bestelle ich mir einen Newsletter künftig als RSS-Feed, anstatt als E-Mail? Eine überdenkenswerte Frage. Es muss sicher nicht RSS sein (kann aber gut sein...

Late Night Blog: Mit RSS gegen Spamschleudern? (05.09.03 11:10)

Chris Pirillo: "I'll save my rant on how e-mail marketers are shunning the concept [of RSS] point-blank for another day."...

hebig.com: RSS Marketing (08.09.03 12:00)

 

Pro versendeter Mail = Pro unique Aufruf des Feeds !? Kommt doch ca aufs gleiche raus. Ansonsten einfach RSS nur nach Anmeldung, dann haben wir die gleichen Möglichkeiten wie bei Email.

Einziger wirkliche Nachteil der mir als Feednutzer einfällt ist der Wegfall der direkten Beachtung (bei mir beobachtet). Im Feedreader ist imo die Gefahr größer dass ich was übersehe weil es sich alles um recht unpersönliche Dinge handelt bei denen mir eine Nichbeachtung nicht so viel ausmacht.

Jan Piotrowski am 04.09.03 20:59 #
 

Wer zu spät bloggt, den bestraft das Leben! PeRSStroika! ;-).

Rainer am 04.09.03 21:59 #
 

Spontan fallen mir 2 Zitate ein.
"Niemand hat vor, eine Mauer zu bauen." (Walter Ulbricht)
"640k will be enough for anybody" (Bill Gates)
Das Internet ist gerade mal ein paar Jahre jung. Wir sollten nicht den Fehler begehen, jetzt so zu tun, als sei alles in Stein gemeisselt. In diesem Sinne: Hoch lebe RSS.

Heiko Hebig am 04.09.03 22:07 #
 

Absolute Zustimmung, wir müssen uns darauf vorbereiten, dass RSS kommt. Potenzial hat es auf alle Fälle, spätestens dann, wenn RSS-Reader-Funktionalität in die poöulären eMail-Clients integriert werden sollte (BTW: im Juni lief eine interessante Diskussion zum Thema auf der buzz-off-Liste). Dann ein bisschen PR hier, ein paar Meldungen da, vielleicht sogar ein vernünftig aufgebautes Verzeichnis, und schon ist RSS so bekannt wie eMail und Web. Die Aussagen von M. Stolpmann verstehe ich auch nicht. Es kommt doch auf den Inhalt an, nicht auf den Klingeldraht (aber wenn man unbedingt Werbebanner schalten will ...?).

Wolfgang am 04.09.03 22:22 #
 

Mhmm, ganz verstehe ich dann die Aussage von Herrn Stolpmann nicht:

"Und letztlich ist das ein Henne-Ei-Problem: solange RSS-Reader nur von einem Prozent der Websitebesucher genutzt werden, ist es eben eine Technikspielerei..."

Wie kann der Verzicht auf eine Technologie, die angeblich von kaum jemandem genutzt wird, zu einer merklichen Veränderung der (Direkt-/Browser-)Zugriffszahlen führen?

Klingt alles irgendwie recht inkompatibel...

Wolfgang Flamme am 05.09.03 13:48 #
 

auch wenn es so aussieht, als ob ich rss mist finde, mich stoert eigentlich nur die sture fixierung auf rss in der diskussion.

rein realistisch waere es das einfachste, wenn ein newsletter-versender einfach eine seite mit irgend einer weblog-software betreibt und den inhalt an die abonnenten per email verschickt. die leute, die keine mails wollen, koennen sich die seite anschauen und meinetwegen den rss-feed abonnieren. zusaetzlich koennte man noch eine notification-email versenden. so ein system setze ich die locker an einem nachmittag auf.

letztendlich ist das aber eine anwendung fuer weblogsoftware und nur ganz sekundare fuer rss. aber wahrscheinlich wuerde das keine gute story abgeben, weil es zu banal ist. oder sind die ganzen weblogger so verbohrt, dass sie nicht auf die idee kommen weblogsoftware fuer etwas anderes einzusetzen als fuer echte weblogs, in denen man ueber weblogs, rss, copyright und journalismus bloggt?

kris am 05.09.03 14:18 #