30. August 2003

[ Meta E-Business Weblog ]

Back from the Countryside

Hallo Welt. Da hier ja schon wieder neue Blogeinträge stehen, lässt sich wohl nicht mehr leugnen: Ich bin wieder da. Müde, vermuskelkatert, braungebrannt, bärtig und sehr zufrieden. Könnte ich bitte mehr von diesen Projekten haben, bei denen es so gutes Essen und so ein feines Rahmenprogramm gibt?

Also, was ist passiert? Die Vorgeschichte ist ja bekannt: Ich war zu einem internationalen Jugendaustausch gerufen worden um dort einen Internetworkshop zu leiten. Die Sache war so gedacht, dass die Teilnehmer einerseits etwas über das Publizieren im Web lernen sollten, andererseits dabei gleichzeitig das Projekt dokumentieren. Viel Arbeit für drei Workshoptage also.

Aber fangen wir am Anfang an:

Es begab sich also, dass ich am Anfang letzter Woche Tablet PC und Digitalkamera in den Rucksack packte, mich aufs Fahrrad setze und gen Cossebaude pedalierte. Am Elbufer gab es dabei ein paar interessante Funde zu machen, unter anderem diesen Einkaufswagen, ein verrostetes, auslaufendes Teerfass (wenn es warm ist, läuft es; wenn es wieder kühl wird, erstarrt die Masse) und eine der mittlerweile wohl berühmt gewordenen Elbtomaten.

Ein verrosteter Einkaufswagen liegt am Elbufer herum

In Gohlis lief gerade das große Sportfest: Eine Menge Leute aus verschiedenen Wohnheimen der Lebenshilfe und natürlich die ganzen Austausch-Teilnehmer waren da und verglichen ihre Fähigkeiten in diversen mehr oder weniger schweißtreibenden Sportarten. Da ich mein Training ja nun bereits hinter mir hatte, entschied ich mich für die Rommé-Ecke und erreichte nach hartem Kampf, schlimmer Fehlspekulation und rasanter Aufholjagd den dritten Platz. Guter Start ins Projekt.

Die Siegerehrung hatte ihre ganz eigene Qualität: Während solche Veranstaltungen oft elend langweilig und pickelhervorrufend sind, war es hier herzerwärmend, zuzusehen, wie sich die Teilnehmer über ihre Erfolge freuen konnten. Ein Junge, vielleicht 15 Jahre alt, hüpfte wild herum, strahlte und fiel seiner Betreuerin um den Hals, als er den zweiten Platz beim "Menschi" - Mensch-ärgere-dich-nicht - gewonnen hatte.

Nach exzellentem Essen, gegrillt von den Zivis des Wohnheims und der ersten Party der Woche (weitere sollten folgen), durfte ich in das Hochbett klettern, das für mich bereitstand.

Nächster Tag: Stadtführungstag und "Workshopstart minus 1". Also: Teilnehmer kennenlernen, den Workshop vorstellen, seinen Ablauf planen und: Zehn Italiener und Spanier aus der Friedrichstadt zum Kunsthof führen. Normale Laufzeit: 20-25 Minuten. Mit dieser Gruppe: Fast eine Stunde. People walk with a different pace in the Mediterranean. Eis essen im Tiki (wah! die haben keine Website! ToDo für nächste Woche: Ins Tiki rennen und den Wirt bequatschen, dass er ins Web muss. Wenn ich das Konzept mache, kriege ich dann ein Jahr lang umsonst Eis?), kurzer Abstecher ins Büro um mit dem Admin des Auftraggebers herumzutelefonieren, endlich einen FTP-Zugang gelegt zu bekommen und ein Movabletype aufzusetzen. Ja, es hätte auch was anderes werden können. Aber als ich gesehen habe, dass MT Lokalisierungen in Spanisch, Italienisch und Polnisch hat, war die Sache klar. (Die Projektteilnehmer kamen aus Deutschland, Spanien, Italien und Polen.)

Aus Gründen der Dramaturgie schreibe ich erst später was zum Fünf-Gänge-Menu an diesem Abend. Wer wirklich neugierig ist, folge diesem Exkurs und lese dann weiter.

Nächster Tag: Showtime. Also ab ins Riesa Efau, in den schönen, großen Raum unter dem Dach.

BD_Riesa-Efau.jpg

(Die schönen Räumlichkeiten machten die elende Computertechnik wieder wett. Und der herumstehende Thürmer-Flügel erst recht.)

Und dann los mit dem Programm. Beziehungsweise: Erstmal los mit dem Kommunikationsengineering. Denn meine Workshopteilnehmer waren fünf Spanier, von denen nur eine wenig Englisch konnte und ein Italiener, der neben der Kochkunst (dazu später mehr) und dem Italienischen ebenfalls das Englische beherrschte und, wie sich später zeigte, auch so gut spanisch radebrechen konnte, dass er Ana bei der Übersetzung behilflich sein konnte.

Also. Schritt Eins: "Was machen wir hier; Was und für wen wollen wir bauen?" Große Einigkeit: Wir wollen was über das Web lernen, wir wollen eigene, persönliche Eindrücke zusammenschreiben und wir wollen das vor allem für die anderen Austauschteilnehmer aber auch für andere Leute im Web machen, vielleicht auch für die Projektteilnehmer im nächsten Jahr. Fein. Kurze Absprache über das Vorgehen: Erst Design und Struktur oder erstmal texten? Beschluss: Erst texten. Denn texten ist toll und eigene Texte layouten macht viel mehr Spaß als Blindtexte zu designen.

Also los: Ein MT-Konto für jeden, hübsch auf spanisch oder italienisch lokalisiert. José hat Login-Probleme, weil ich ihn als "josé" eigerichtet habe, er mir aber nicht zugetraut hat, dass ich das mit dem Akzent richtig hinbekomme. Ich lerne endlich die korrekte Aussprache von "Jorge" und schaffe es, Maria und Lorena auseinanderzuhalten. Mirko hackt derweil in atemberaubenden Tempo die Dokumentation der italienischen Kochsession in die Tastatur. Sie verdient es, hier einen kleinen Einschub zu erhalten:

Die Italiener hatten an meinem zweiten Abend vor Ort den Großmarkt geplündert und einen Berg original italienischer Zutaten eingekauft und daraus ein Mahl gezaubert, wie ich es in meinem Leben noch nie erlebt habe. Brot, Pasta, Wein, Salat, Prosciutto, Salami, ganz am Ende noch Pizza (Pizza?! Wo bitte sollte ich die noch hinstecken?) und zum krönenden Abschluss ein Grappa... ich habe noch nie so viel an einem Abend gegessen.

Back to work.

Ana und José bauten wie die anderen weiter an ihren Artikeln. Derweil zeigte ich Mirko wie man Links setzt und er freute sich wie ein Kind, als er es schaffte, "Barilla" zur Barilla-Website linken zu lassen. Am Abend gab es glückliche Gesichter und schöne Wolken über Friedrichstadt und Gohlis.

Wolken und ihr Schatten auf einem verlassenen Haus in Dresden-Friedrichstadt Wolken über Dresden-Friedrichstadt, und Installation am Riesa Efau, Adlergasse

Auf die Gefahr hin, als der gefräßigste Consultant der Welt in die Geschichte einzugehen: Am Abend kochten die Polen und füllten ungefähr 500 Piroggi. Ich testete die Videofunktion der Digitalkamera mit sehr guten Ergebnissen. Und ich schwöre, dass ich Magdas Dekolleté unabsichtlich abgefilmt habe!

Ich erspare dem geschätzen Leser an dieser Stelle die touristischen und gastronomischen Details der nächsten Tage und beschränke mich nur noch auf die Arbeit. ("E-Business Weblog", remember? Nicht Fotos und Essen und Katzen.) Am zweiten Workshoptag schrieben wir die Artikel fertig (ich schrieb einen über die Überwindung der Sprachbarrieren bei uns im Workshop) und kümmerten uns dann um Layout, Design und Struktur der Site.

Das Default-MT-Template wollte niemand haben, außerdem macht es viel mehr Spaß, bei seiner ersten eigenen Website alles selbst zu machen. Also fingen wir "auf der grünen Wiese" an, warfen die MT-Stylesheets weg und malten erstmal ein paar Layouts auf Papier. Die Spanier verabschiedeten sich am Nachmittag um einkaufen und kochen zu gehen (argh, jetzt habe ich schon wieder vom Essen geredet. Aufhören, Martin, aufhören!), und damit kam die große Stunde von Katrin, die heute zum Workshopteam dazugestoßen war: Sie baute das Template und dann das Stylesheet zusammen und am Ende des Tages erstrahlten alle Artikel in Dunkelblau und Orange.

(Weitere schlimme touristische Passage geschnitten. Paddeln auf der Elbe ist trotzdem toll.)

Am letzten Workshop-Tag wurden dann die Artikel mit Fotos ausgestattet, das Stylesheet perfektioniert und die Sidebar zusammengebaut. Mit dem Ergebnis können wir sehr zufrieden sein, denke ich. Ich hätte nicht gedacht, dass wir in so kurzer Zeit so viele Inhalte zusammenbekommen und die in so akzeptabler Qualität ins Web publiziert bekommen. Wohlgemerkt: Keiner der Teilnehmer hatte Erfahrung mit HTML oder irgendwelchen anderen Web-Technologien, für viele war schon das Eingeben von Text eine schwere Arbeit. (Nicht jeder besucht Gymnasien!)

Ein paar Fotos und Texte fehlen noch, die werden in den nächsten Tagen nachgetragen. Inzwischen ist der Austausch zu Ende gegangen und die Teilnehmer sind wieder auf Dresden, Granada, Lucca und Wroclaw verteilt, aber eine Menge wertvolle Erfahrung, Wissen und Beziehungen bleiben erhalten. Und mir die Erinnerung an eins der schönsten Projekte meiner Karriere. Jederzeit wieder.

Wolken über Cossebause-Gohlis

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Liest sich ja spannend. Bleibt die frage: Wo ist das bart-Foto? Und: Bleibt der Bart, so dass die Leute nur nch vom Bärtigen Consultant aus Dresden (BCD) schwärmen?!?

Ulrich am 31.08.03 10:47 #
 

Oha. Ich glaube, das Bart-Foto gibt's im Rahmen der Premium-Content-Strategie gegen Micropayment. Und zu der Entscheidung ob er dran bleibt, machen wir ein Online-Voting. ;)

Martin Röll am 31.08.03 13:23 #
 

Hi Martin,

da ist klar du hast mächtig Spass gehabt. Es bringt Erinnerungen hervor als ich Mitglied war im europäischen Verein von Studenten i.d. Elektrotechnik. Sprachprobleme, viel Essen und Trinken, und auch noch Seriöses. Bei uns waren es immer Bulgaren die Spanisch sprachen und die Geschichten der Spanier dann auf Russisch den Hungaren klar gemacht haben, die es dann auf Englisch und Deutsch uns erzählt haben.

Ton Zijlstra am 31.08.03 15:31 #
 

Hey Martini, wem hast du das ganze zu verdanken?

Jenny Büschel am 08.09.03 17:30 #
 

Einer jungen Dame, die noch eine Einladung zum Essen bei mir gut hat. :-)

Martin Röll am 08.09.03 17:40 #