18. Juli 2003

[ Business Weblogs ]

Noch mehr zu Politiker-Weblogs

Ziemlich genau 24 Stunden nach dem Posten meines Eintrags zu Politiker-Weblogs am Dienstag rief mich Sven Przepiorka an. Er hatte eine ganze Menge interessanter Kommentare zu meinem Artikel und zu Weblogs in der Politik überhaupt und so haben wir über eine Stunde lang diskutiert.

Einige Punkte aus unserem Gespräch gebe ich hier wieder. Wir sind uns in verschiedenen Dingen gar nicht einig. Ich gebe hier einfach ein paar Argumente wieder, die gefallen sind, unabhängig vom "Autor" - alles Folgende ist also nicht notwendigerweise meine oder Svens Meinung, sondern ist einfach eine "Stoffsammlung", die wir dann gerne diskutieren können.

  • Ein Politiker muss ständig aufpassen, was andere, "gegnerische" Politiker vorhaben. Alles was er bloggt, kann gegen ihn verwendet werden. Deshalb wird man selten persönlich, bleibt man bei relativ nüchternen Schilderungen.

    Ich kann das nachvollziehen, denke aber, dass Mut hier belohnt werden wird. Wenn persönliche Äußerungen oder Selbsoffenbarungen von einem feindlich gesinnten anderen "misbraucht" werden: Fein. Dann lachen halt ein paar Leute über einen. So oder so ist man im Gespräch und zeigt, dass man menschlich ist. Fehler sind gut. Politiker sollten mehr Fehler machen und dazu stehen.

  • Auch in der eigenen Partei oder Franktion muss man vorsichtig sein: Wer irgendwelche wilden, innovativen Projekte anfängt, wird von den anderen möglicherweise schief angeguckt.
  • Kommentare im eigenen Blog sind möglicherweise ein Problem: Auf politischen Seiten wird sehr gerne heftigst von politisch andersdenkenden kommentiert, dass die Fetzen fliegen. So heftig, dass möglicherweise Leser abgeschreckt werden oder es sogar nötig wird, zu moderieren. (Wer gelegentlich mal die Boards z.B. auf Parteien-Websites liest, weiß, was mit "moderieren" gemeint ist: Hasstiraden, Holocaust-Leugnungen und Morddrohungen löschen zum Beispiel.) Das will man nicht unbedingt auf seinen Seiten haben. Was tun?
  • Der vielleicht wichtigste Punkt: Warum "spielen Politiker nicht mit", warum sind sie nicht in Diskussionen dabei? Identität. Es ist zur Zeit nicht möglich, einen in einem Weblog kommentierenden genau zu identifizieren. Jeder könnte sich z.B. als Kristina Köhler ausgeben und in ihrem Namen Kommentare hinterlassen. Das ist gefährlich. Wenn man also nirgends kommentiert, ist klar, dass wenn irgendwo ein Kommentar auftaucht, man das nicht selbst war. Das senkt das Risiko. Würde man "draußen" kommentieren, würde es viel schwieriger zu kontrollieren, wer sich alles der eigenen Identität bemächtigt und unechte Aussagen in die Welt setzt.

    (Ich habe eine Reihe von Gedanken, wie man das technisch lösen könnte, aber das soll hier nicht Thema sein.)

    Das hält allerdings nicht davon ab, zu linken und Diskussionen auf der eigenen Website, nur in Weblog-Einträgen zu führen! Oder?

  • Noch ein Problem: Zeit. "Politiker haben keine Zeit, zu bloggen." Eigentlich genauer: Was ist der Nutzen? Politiker haben eine ziemlich genaue Zielgruppe, im Falle des Bundestagsabgeordneten seinen Wahkreis. Er "muss nicht" mit allen möglichen Leute im Internet kommunizieren. Seinen Wahlkreis erreicht er auf anderen Wegen möglicherweise besser. Wer von dort wird sein Blog (regelmäßig) lesen?

Soweit mal für's erste. Vor allem kritische Gedanken natürlich. (Hey, glaubt ihr mich ruft jemand an und nimmt sich eine Stunde Zeit um mir zu sagen, dass alles toll ist, was ich zusammengeschrieben habe? ;-))

Ich finde das Thema spannend und werde da weiter dranbleiben und vielleicht mit dem ein oder anderen Landtags- oder Bundestagsabgeordneten drüber sprechen... mal sehen, was die Zukunft noch bringt.

Danke, Sven, für den Anruf! Ich freue mich auf unser Treffen!

[Update] (19.08.): Wortfeld: Blogs und Meetups for President

Trackbacks sind Links von anderen Weblogs auf diesen Eintrag.  

> Identität.
Aber Ghostwriting ist doch eh üblich. Und wer sagt mir, dass der Gastkommentar in Zeitung X denn wirklich von Politiker Y geschrieben worden ist. Da sind Weblogs nicht anders.
Am Ende des Tages werden Internet-affine Politiker das Internet für sich entdecken, und andere werden eine andere Strategie haben. Wer wird mehr Erfolg haben? Only time will tell.
PS Vor Jahren schrieb ich mal eine Rund-Email an Spitzenkandidaten. Die einzige Antwort kam damals von Guido Westerwelle. Das war 1998 oder so.

Heiko Hebig am 18.07.03 18:22 #
 

Vielleicht ein Misverständnis? Der Punkt ist, dass andere, die es Dir böse wollen, sich für Dich ausgeben können und dann irgendwo im Netz Kommentare mit Deinem Namen dran hinterlassen. Solange dieses Problem nicht gelöst ist, werden viele Leute gehemmt sein, überhaupt zu kommentieren.

Ansonsten: Interessanter Punkt mit dem Ghostwriting! Es gab dazu ja auch schon ein bisschen Diskussion in der Blogosphere... (Vielleicht sollte ich einen weiteren Geschäftszweig aufmachen: Will mich wer als seinen Ghostblogger? ;-))

Martin Röll am 18.07.03 18:30 #
 


Ich glaube nicht, dass Politiker nicht bloggen werden -- abwarten, es wird vielleicht nicht mehr so lange dauern. Allerdings habe ich ein paar Einwände und Ergänzungen zu dem gesammelten Stoff:

-- "Politiker haben eine ziemlich genaue Zielgruppe, (...) seinen Wahlkreis."
Das ist beileibe nicht die einzige Zielgruppe. Politiker wollen auch auf Parteiebene gehört werden (nicht nur um der Wiederaufstellung wegen), und ihre Bedeutung bei der (eigentlich entscheidenden) Fraktionsarbeitsgruppen- und Ausschussarbeit hängt nicht zuletzt von ihrem Standing als Fachpolitiker ab. Den Politikern, die sich z.B. auf das Politikfeld Internet spezialisiert haben (Tauss SPD, Krogmann CDU, Otto FDP, Bettin B90/G), stünde ein Blog bestimmt gut zu Gesicht.

Ein wichtiger Punkt ist der entscheidende Unterschied zwischen US- und deutschem politischen System: Die US-Politiker können sich eher individuell positionieren und weniger (nicht: keine) Rücksicht auf die Position ihrer Partei nehmen. Dagegen ist im deutschen System Fraktionsdisziplin der überwiegende Regelfall. Das bedeutet aber auch, dass Positionen mit den Fraktionskollegen abgestimmt werden müssen, bevor sich jemand dazu äußert. Würde sich ein Spezialist für Rechtspolitik zu irgendeinem Vorhaben äußern, ohne dass mit dem Fraktionsarbeitskreis abzustimmen, würde er von seinen Kollegen kritisiert. (Ich würde wohlgemerkt nicht das US-System bevorzugen, auch wenn unter Blog-Gesichtspunkten wahrscheinlich ergiebiger wäre.)

-- "wilde, innovative Projekte"
So wild und innovativ sind Blogs mittlerweile nicht mehr... :-)

Alexander Svensson am 19.07.03 08:53 #
 

Einer, der aufmerksam in meinem Blog gelesen hat, wird wissen, daß ich auch "kommunalpolitisch aktiv" bin. Als stellvertretender Vorsitzende unsere Bürgerpartei bin ich also am Bloggen. Und unser Vorsitzender blogt auch.

Ich verstehe die Argumente von Sven. Aber ist das nicht genau das "festgefahrene" System, in dem unsere Politiker sitzen? Politik, oder die Führung unseres Landes, sollte von Menschen gemacht werden, die die Einwohner und deren Bedürfnisse versteht. Dann ist es als Politiker durchaus legitim auch in der Öffentlichkeit ein Einwohner unseres Landes zu sein!

Persönlich denke ich, daß mit dieser Haltung mehr stimmen zu bekommen sind. Vor allem von der Jüngere Wähler (bis ca. 40), von denen einen Großteil im Internet unterwegs ist und sich da austauscht.

Politik ist eigentlich ein fremdes Thema für viele Menschen. Vielen haben den Vertrauen verloren. Glauben auch, daß sie wenig beeinflüssen können. Weblogs wäre ein Möglichkeit, ziemlich direkt mit den Politikern auszutauschen und somit näher an die Politik zu kommen.

Ich bin absolut FÜR Politiker-Weblogs!

Schönen Samstag,
Birthe

Birthe Stuijts am 19.07.03 14:30 #
 

Lesetipp: Ein Artikel in der NZZ über die (un)politische Jugend.

Irene Gronegger am 20.07.03 14:32 #
 

Danke für den Tip, Irene! Ein sehr interessanter Artikel.

Martin Röll am 20.07.03 16:33 #
 

ich glaube ganz ehrlich gesagt, dass politiker kaum zeit zum bloggen haben ausser evtl peterpilz der das auch bravourös meistert.
aber ganz abgesehen davon, welcher politiker kann es sich schon leisten, jene offenheit der gedanken an den tag zu legen, die ein log verlangt! das können nur wir die wir relative no-names sind.
lg, susi - woelfin.at

woelfin.at am 28.07.03 10:32 #
 

Hi :-)

Birthe (bisschen weiter oben) hat mir den Link zu diesem Weblog hier gegeben, weil ich grade einen freien Bürgermeisterkandidaten wahlkampforganisatorisch betreue und auf der Suche nach einem Weblog-Programm war.

Joo .. mein Kandidat hat jetzt also ausser nem schicken Forum auch noch ein Weblog.
Natürlich heißt es bei uns:
Wahlkampftagebuch .. ;-))

Es war etwas schwierig ihm den Sinn und Zweck und die Praxis beizubringen, aber langsam gehts.

Sein Stil ist ziemlich trocken, aber was will man machen.
Rechtsanwalt + Politiker eben ;-)

Die Kommentare hab ich abgestellt.
Nicht aus Angst vor blöden Bemerkungen, sondern weil wir mit Gästebuch, Forum und Mailbeantworten einfach ausgelastet sind.

Schwierig ist es, einen persönlichen Stil zu schreiben, aber trotzdem nichts was "gegen einen verwendet werden könnte".
Und Wahlkampf ist ja auch besonders heikel, da die Gegner lauern ;-))

Also, wir üben noch .... aber schlagen uns tapfer! :-))

Die Seite findet man hier:
http://www.Schuschkow.de


Viele Grüße

féline

Übrigens: Danke Irene für den Artikel.
In unserem Forum wird grade ein bißchen über die regionale Jugendpolitik diskutiert. Ich hab ihn dort gleich mal verlinkt! ;-)

féline am 02.08.03 00:56 #