16. Juli 2003

[ Internet ]

Zur Kritik an der "Vergoogelung" des Webs

Frank Patalong gibt sich auf SpiegelOnline alle Mühe, korrekt mit den aktuellen Äußerungen der Bertelsmann-Sitftung umzugehen.

Die will im Oktober eine neue Studie verkaufen und zieht deshalb gerade die alte Leier mit dem "Google dominiert das Web und das ist sooo gefährlich und man muss was machen" noch mal auf. Was man allerdings machen soll, bleibt unklar. Wörter wie "Regulierung" fallen und nicht nur Patalong fragt sich, wie das wohl gehen soll.

Viele "Nicht-Probleme" werden behandelt, so das Anzeigen bezahlter Ergebnisse und den Kampf von Suchmaschinen-Spamern um gute Platzierungen. Alles völlig unkritische Dinge, die keineswegs irgendwelche Freiheiten einschränken oder zu "Machtkonzentration" führen.

Zum Schluss des Artikel versucht Patalong ein Resumé:

Überspitzt gesagt bedeutet die Vergoogelung des Internets eine schleichende Verblödung, zumindest aber vergrößert sie die Abhängigkeit von qualitativ hochwertigen kommerziellen Produktionen: Die Inhalte eines Bildungsservers haben wohl nur selten die Chance, es auf die vordersten Plätze zu machen.

Immer mehr akademische, aber auch qualitativ hochwertige private Inhalte verschwinden tatsächlich in den dunklen Tiefen des "unsichtbaren Webs", des durch Suchmaschinen nicht mehr erfassten Internets. So bedauerlich das ist, ist es doch nur die logische Konsequenz aus der Popularisierung des einstmals neuen Mediums.

Da bin ich mir nicht sicher. Viele akademische Inhalte verschwinden einfach, weil sie in PDF- oder DOC-Form am Netz hängen und saumäßig aufbereitet sind. Da ist dann nicht Google oder die Kommerzialisierung schuld, sondern die Unfähigkeit der Publizierenden. Es hilft nichts, Dokumente mit Titeln wie "Präsentation_endgültige_fassung.ppt" ans Netz zu hängen und dann zu jammern, dass sie keiner findet.

Eine "hochwertige, kommerzielle Produktion" braucht man gar nicht. Schauen wir doch mal in die Weblogs: Hier ist überhaupt nichts "hochwertig" und die "Produktion" ist unglaublich billig. Trotzdem ist es möglich, mit relevanten Inhalten hohe Suchmaschinenplatzierungen zu erreichen. Das kann jeder Publizierende - es kostet nur ein paar Stunden Lernzeit, sich damit auseinanderzusetzen, wie man sauber im Web publiziert.

Und dann ist da natürlich noch die Sache mit den Links: Wer deep-linking verbietet oder unmöglich macht (Diskussion in diesem Eintrag vom Januar: Das E-Business Weblog: To link or not to link), wird halt nicht verlinkt. Und dann fliegt er auch aus Google. Selbst schuld, oder?

Die "Vergoogelungskritiker" haben bisher immer noch nicht klar machen können, was eigentlich das Problem ist. Ja, es gibt gewisse Gefahren des Machtmisbrauchs. Aber sobald er stattfinden würde, ständen sofort 50 andere Suchanbieter parat um den wütenden, sich von Google abwendenden Mob aufzufangen. Wir können gerne über mögliche Probleme (die gibt es!) diskutieren, aber bitte nicht dieses "Google könnte ja x machen und das wäre gefährlich" wenn vollkommen klar ist, dass "x" zu tun, geschäftlich völlig sinnlos wäre. Warum sollen eigentlich die Marktgesetze plötzlich nicht mehr gelten, nur weil es um Internetsuche geht?


(Die Ausarbeitung dieses Eintrags erfolgte übrigens im Rahmen der "Premium Content"-Strategie, die langmonatigen eBiz-Weblog-Lesern noch bekannt sein dürfte und die nun zu "PremiumPersonalisedContentOnDemand"-Strategie erweitert wurde: Ein Leser schickte über die Spiegel-Website einen Hinweis auf den Artikel und fragte: "was hältst du davon?". Das hier ist die Antwort. Können wir gerne öfter so machen.)

Trackbacks sind Links von anderen Weblogs auf diesen Eintrag.

Martin zur Spiegel-Mär die "Vergoogelung" des Web vergrößere sie die Abhängigkeit von qualitativ hochwertigen kommerziellen Produktionen: »Viele akademische Inhalte verschwinden einfach, weil sie in PDF- oder DOC-Form am Netz hängen und saumäßig ...

das Netzbuch: Vergoogelung.ppt (17.07.03 10:04)

Zu dem Artikel Das Googlepol in der Süddeutschen: Also erst einmal sind Cookies keine Programme, denn sie enthalten zwar Daten, aber keinen ausführbaren Code. Weiterhin ist die Behauptung, "hinter ...

PlasticThinking: Moe's Blog.: Google, das Sommerloch und die SZ (20.07.03 16:17)

 

Wir könnten ja eine Behörde einführen, deren Amt darin besteht, die Suchmaschinenoptimierung in staatliche Hände zu legen. Eine Art Personal-Suchmaschinen-Agentur, die darf dann einen halbstaatlichen Dienstleistungssektor fördern. Die frei entstehenden Werbeflächen können für Sozialstaats-Propaganda benutzet werden. Ganz nach dem Motto: "Wer nicht mit uns sucht, ist schon morgen seinen Job los. .. Massenentlassungen täglich!"

Peter am 16.07.03 17:15 #
 

"Überspitzt gesagt bedeutet die Vergoogelung des Internets eine schleichende Verblödung, zumindest aber vergrößert sie die Abhängigkeit von qualitativ hochwertigen kommerziellen Produktionen"

Ich hab mal eben LAUT gelacht. Made my day. Was bleibt ist ein übler Nachgeschmack. Aber da hilft mein morgenlicher Kaffee.

Heiko Hebig am 16.07.03 19:15 #
 

Wieso gelangt man mit unverfänglichen Suchbegriffen in jugendgefährdende Bereiche? Die Bertelsmann Stiftung hat zur Aufklärung dieser Problematik eine großangelegte Studie durchführen lassen. [...]

aha. Und wieso sieht man im DSF nachts immer pornografisch gestöhnte Telefonnummern? Hilfe! Wir brauchen MEHR Regulierung!

Heiko Hebig am 16.07.03 19:23 #
 

Mal abgesehen von der Gefahr der Trivalisierung der Internets war der Artikel von Patalong aber erfreulich kritisch. Er scheint wirklich Ahnung von der Sache zu haben. Im Gegensatz zu den Bertelsmännern.

Nun, hätte Herr Patalong nicht Angst vor einer Trivalisierung, würde er nicht beim Spiegel schreiben. Man muss schon eine Portion elitären Kulturbürgertums mitbringen, um beim Spiegel anerkannt zu sein. Und durch dieses bekommt man dann auch die Perspektive, im Internet nur Schund zu finden. Mag schon sein, dass das man nicht das neueste russische Theaterstück von Boris Borisyellev findet, wenn man nach "Theater" sucht. Finde ich aber auch gut so.

Ich bin dagegen im akademischen Bereich durchaus sehr zufrieden mit der Suchleistung von Google. Vielleicht muss man mal auf Altavista angewiesen gewesen sein, um das zu verstehen.
Ich weiß auch, dass es bei einer Suchmaschine nur um Relevanz, und nicht um Qualität geht. Qualität wird ein Computer nie selbstständig erkennen können, weil er nicht sozialisiert werden kann. Man kann im höchsten seinen eigenen Qualitätsbegriff in seine Relevanzvorstellung einimpfen.


Im übrigen kann man seine Suche ja auf ".edu" eingrenzen, und auch im deutschen Raum gibt es Suchmaschinen nur für Universitäten.

Wenn Herr Patalong seine feuilletonistische Suchmaschine haben will, die nach inhaltlicher Qualität sortiert, dann wünsche ich (als Kulturrelativist) ihm schon mal viel Spaß bei einer weltweit gültigen Definition von Qualität. Wenn er in hundert Jahren zu einem Ergebnis gekommen ist, dann wünsche ich ihm nochmal viel Spaß sich hinzusetzen und alle Webseiten nach diesem Merkmal zu sortieren. Von Menschenhand, natürlich. Computer können ja nicht denken.

KerLeone am 17.07.03 10:22 #
 

Reichlich blödsinnig erscheint die Diskussion auch im Licht der Tatsache, dass selbst die obertollste aller Suchmaschinen - samt zutiefst demokratischer, nichtmonopolistischer und gutmenschenhafter Strategie - nie das gesamte Web indizieren und alle relevanten Ergebnisse sinvoll und "gerecht" priorisieren wird.

Marcus Bitterlich am 17.07.03 10:23 #
 

>Warum sollen eigentlich die Marktgesetze plötzlich nicht mehr gelten, nur weil es um Internetsuche geht?
Der ökonomische Diskurs hält wohl Einzug ebenso in Netztechnologien wie auch in die Bildung, die Politik etc. Wobei es ja auch Suchende im Netz geben soll, die nicht gerade nach der Maximierung ihres Gewinns suchen; munkelt man. Ob Machtmissbrauch durch ökonomische Rationalität verhindet und nicht eventuell sogar begünstigt wird, wäre meiner Ansicht nach zu diskutieren.

Moe am 17.07.03 14:25 #
 

Mein Punkt ist der Folgende: Wenn Google seine Macht misbrauchen würde, hätte dies unweigerlich zur Folge, dass sich die User abwenden würden. Der Machtmisbrauch hätte negative Folgen für Google. Er wäre ökonomisch sinnlos. Und da dies schon jetzt, also vorher, erkennbar ist, wird Google das nicht tun. Ich kann mir auch Situationen vorstellen, in denen wie Du sagst, Machtmisbrauch durch die Ökonomie begünstigt wird, im Falle von Google sehe ich das aber nicht.

Martin Röll am 17.07.03 16:28 #
 

Google ist nicht böse. Google-Missbrauch ist böse. Beispiel: wenn man meinen Namen googelt, kommt unter den ersten fünf Treffern eine dynamische Seite, die "MeinName is a homosexual" anzeigt. MeinName kann beliebig ersetzt werden. Ist toll, wenn ein potentieller Arbeitsgeber im Web nach meinem Namen sucht.

Anonymous am 25.07.03 14:23 #
 

Macht verändert - und Google wird sich ändern. Und das dürfte nicht unbedingt zum Guten hin sein.

Gerald am 17.08.03 21:11 #