28. Juni 2003

[ Innovation und Wandel , Unternehmen ]

Die Zukunft von Fluggesellschaften - ein brilliantes Interview mit Michael O'Leary (RyanAir)

Ich habe das heute schon einmal geschrieben: Ich sollte viel mehr bei Eamonn Fitzgerald lesen. Er weist auf einen briliant geschrieben Artikel in der englischen Financial Times hin, in dem Graham Bowley Michael O'Leary, den Chef von RyanAir, interviewt hat. (Eamonn Fitzgerald's Rainy Day: Neither fear of flying nor the "f" word)

Es ist kein "richtiges" Interview, vielmehr ein sehr gut recherchierter Artikel mit eingestreuten O-Tönen und persönlichen Schilderungen aus dem Interview.

Bei Eamonn finden sich Auszüge aus dem Artikel - wer wenig Zeit hat, sollte die lesen, damit kriegt man schon das wichtigste mit. Es lohnt sich aber, die Zeit für die Lektüre des ganzen Artikel aufzuwenden, denn da kann man sehr viel lernen.

Einige Dinge die ich interessant fand:

Zunächst stecken absolut beeindruckende Zahlen zur Leistungsfähigkeit von RyanAir drin: RyanAir wird dieses Jahr mit 2000 Mitarbeitern 24 Millionen Passagiere befördern. Die Lufthansa befördert doppelt so viele, aber mit 30.000 Mitarbeitern in ihrem Passagierluftfahrtbereich. (Die Zahl habe ich dem FT-Artikel entnommen und nicht überprüft.)

Oder diese Erzählung einer Simulation von Boeing:

Boeing, understandably anxious about doing a multibillion-dollar deal with a relative unknown, set up a computer simulation of Ryanair's system to test for flaws that could potentially damage the company's credit-worthiness. They zapped it with drops in demand, and fluctuations in exchange rate and aviation fuel price. "We could not find a quarter when they were not profitable. The lowest we could do was a breakeven," Eric Hild, Boeing's director of sales for the UK and Ireland, tells me. "It is probably the most robust model we have encountered." This month, during the meeting in the City Club, Ryanair announced that its after-tax profits had risen 59 per cent to £239.4m in the 12 months to March, a year in which many other airlines around the world suffered big losses.

Am interessantesten finde ich aber die Überlegung in die Richtung, ob die Flugpreise nicht auch theoretisch auf Null fallen könnten:

In the same way that websites earn money for delivering click-through traffic to other online sites or advertisers, airlines in O'Leary's perfect world would get paid for redistributing people around Europe. We are all traffic now.

Warum nicht? Sind Fluggesellschaften irgendwann nur noch Infrastruktur? Das RyanAir-Liniennetz wie eine Art europäisches Autobahnnetz? Wo steht geschrieben, dass Flugtickets etwas kosten müssen?

So unangenehm Michael O'Leary auch als Mensch sein mag: Er hat verstanden, dass es in keiner Industrie Regeln gibt, die ewig gelten oder immer richtig sind. Er versteht den disruptive Change. Und das ist wichtig, weil der Umgang mit Wandel immer mehr zum kritischen Faktor für den langfristigen Unternehmenserfolg wird. Oh-oh. Jetzt fange ich an, wie ein BWL-Dozent zu klingen. Ich höre lieber auf. Später mehr. :)

[Update 2003-07-08] FTD - McKinsey sieht Billigflieger ab 2007 in Turbulenzen

Aus dem IM:

[18:16] rainer: ich seh grad den mckpraktikaten vor mir, der seinem chef berichtet:
"im worst case beträgt das ryanair ebit am 1.7.07 minus 5mio pfund"
[18:18] rainer: "Sie können in Ihrer excel-projektion auch eine pessimisische oelpreisentwicklung annehmen"

Trackbacks sind Links von anderen Weblogs auf diesen Eintrag.  

Hättest Du jetzt "kritische Erfolgsfaktoren" geschrieben, hättest du sogar den O-Ton einer bekannten Beratungsfirma, für die ich mal arbeitete, getroffen ;-)

Abgesehen davon klingt es mir als Nicht-BWLer nicht unbedingt einleuchtend, wie ein Unternehmen, komme was möge, plötzlich nur noch schwarze Nullen oder besser schreiben können soll, so verlockend das auch klingt.

Aber Ryan Air ist sowieso overhyped. Als Kunde fahre ich nämlich lieber in 10 Minuten von hier zum Dortmunder Flughafen und steige entspannt in eine Air Berlin Maschine, wo mir eine Zeitung und Getränke gereicht werden und wofür ich 29 oder von mir aus auch 39 oder 49 Euro zahle, als in einer halben Himmelfahrt nach Hahn oder in andere abgelegene Ecken, nur weil das Ticket ja soviel günstiger ist.

Zumal Leser meines Weblogs wissen, daß die Online Experience von Ryanair unter aller Kanone ist. So schlecht, daß einen die "404", die einen auf ryanair.de begrüßt, gar nicht mehr stören kann.

Haiko Hebig am 28.06.03 15:12 #
 

Ganz abwegig ist die Sache vielleicht nicht. Warum sollen die Händler in London nicht an Fluglinien zahlen, die ihnen Kunden einfliegen? Die enstehenden Kosten werden eben anders umgelegt. Vielleicht ein bischen wie Kaffeefahrt.

Mtg am 28.06.03 20:15 #
 

Österreichische Tourismusverbände zahlen an Ryanair "Werbebeiträge", die sich aus einem erwarteten Plus an Gästeübernachtungen refinanzieren sollen. in: "Flug Linz-London ab Frühjahr konkret" von Karin Haas, in: Wirtschaft Nachrichten.at vom 25. September 2002.
http://www.nachrichten.at/

Die ÖGZ berichtet über einen starken Anstieg der Besucherzahlen aus Großbritannien in den österreichischen Regionen Salzburg, Steiermark und Kärnten, seitdem die irische Billigfluglinie Ryanair Salzburg, Graz und Klagenfurt anfliegt. Besonders erfreulich sei, daß diese neue Zielgruppe mehr ausgebe als Autotouristen und in Monaten geringerer Nachfrage Österreich besuche- in: "Drei Bundesländer im siebten Himmel".
http://www3.oewv.at

Die angegebenen Links beziehen sich nicht auf die angegebenen Beitraege, da diese nicht mehr online sind.

Gerhard Schoolmann am 29.06.03 08:50 #
 

Michael O'Leary ist der lockersten und unkonventionellsten Bosse, die es in Europa gibt. Dabei ist er knallhart professionell, weiß in jeder Sekunde, wie er die Menschen und Medien auf seine Seite bringt.

Wer die Gelegenheit hat, einer seiner Pressekonferenzen zu besuchen, sollte es tun. Bei der Eröffnung einer Verbindung zu einem deutschen Provinzflughafen war ich dabei. Als ihn eine Blaskapelle standesgemäß auf dem Rollfeld begrüßte, hakte er sich den bereitstehenden Oberbürgermeister unter, und animierte ihn zu ein paar wilden Hüpfern. Nach dem gemeinsamen Tänzchen waren die beiden per Du und O'Leary kam richtig in Fahrt.

Er feuerte eine paar Breitseiten gegen die Lufthansa, verriet dass die wirkungsvollste Werbung für ihn darin besteht, sich von seinen Gegnern verklagen zu lassen, was ihn monatelang kostenlose Medienberichte sichert. Das ist clever.

Weniger clever sind Kommunen und Konsumenten, die sich für augenscheinliche Niedrigpreise begeistern aber ein weit grössere Zeche zahlen.

Die Regionalflughäfen, die Ryan Air anfliegt sind nicht nur per se billiger als die großen Drehkreuze, er handelt sie auch bei den üblichen Start- und Landegebühren kräftig runter. Sollten das für die betroffenen Flughäfen nicht kostendeckend sein, greift sich die öffentliche Hand in ihre ohnehin gebeutelte Kasse. Denn die meisten Airports sind in der Hand von Kommunen, Städten, Gemeinden und Ländern. Eine einzige Verbindung von Ryan Air kann ausreichen, in der so beglückten Provinz eine Investitionslawine auszulösen: Vergrößerung von Terminals, Wartehallen, Parkplätzen, Einrichtung von Bus- und Bahnverbindungen, Bau von Halteplätzen.
Kommunalpolitiker sagen gern: über die Mehreinnahmen von Einzelhandel, Gastronomie und Hotellerie kommt das Geld längst wieder rein.
An den Investitionen haben die betroffenen bestimmt 20 Jahre zu tragen. Ich glaube kaum, dass die Vereinbarungen mit Ryan Air so lange Kaufzeiten haben. Was also, wenn Ryan Air sich entschließt, eine Verbindung aus dem Flugplan zu streichen?

Dann tanzt kein OB mehr.

Ich selbst durfte mal für Ryan Air ein paar Plakate herstellen. Was die Bezahlung angeht, machte ich die Feststellung, dass der Zahlungstermin entweder von irischen Gepflogenheiten oder internen betriebswirtschaftlichen Überlegungen geleitet wird. Jedenfalls nicht vom Anspruch eines Lieferanten für die gelieferte Leistung umgehend bezahlt zu werden. Da halfen auch freundliche und unfreundliche Mahnungen nichts. Das Geld kam dann, als ich drauf und dran war, die Summe abzuschreiben. Monate später.
Zuvor hatte Ryan Air wieder sagenhafte Gewinnmeldungen verkündet.

Bernd Röthlingshöfer am 30.06.03 08:47 #