27. Juni 2003

[ WBS ]

ClickZ Weblog Business Strategies Conference: So war's.

Zeit für einen Rückblick auf die Business Weblog Konferenz. Wie war's? Was ist passiert? Was ist der Stand des Business Blogging?

Erstmal ist bemerkenswert, dass es überhaupt eine Konferenz zu dem Thema gab. 150 Leute, die sich versammeln, um über Business Weblogs zu reden, ein Veranstalter, Mediencoverage... es ist schwer, nach so etwas das Thema noch wegzuwischen. (Ja, das ist möglicherweise auch wieder noch schlimmste, schlimmste Selbstreferentialität - wer weiß? Für diesen Artikel soll das jetzt einfach mal egal sein.)

Um das aber gleich wieder zu relativieren: Die Konferenz war in weiten Teilen keine richtige "Business"-Konferenz: Viele Vorträge drehten sich um das Bloggen allgemein und eine Reihe von Fragen an die, die es eigentlich wissen müssten, blieben offen. In den Worten von Rick Bruner:

"While I applaud ClickZ for sponsoring this event, I think it was not entirely successful in that it ultimately failed to address the key theme, by and large, of business blogging. John Robb of Userland and Anil Dash of Moveable Type both claimed ot have loads of corporate users of their blog publishing software, but no one really presented any interesting case studies of actual business blogging."

Interessant auch die Ausführungen in Jason Butler: My thoughts on the weblog conference (via Debbie Weil).

Wenn selbst die "Großen" der Branche keine Beispiele von Business-Weblog Projekten bringen, kann man getrost davon ausgehen, dass es keine gibt. Das ist schade, aber nicht wirklich verwunderlich: Hatten wir im Ernst erwartet, dass wir von den ersten Business Weblog Projekte auf einer Konferenz erfahren und nicht in einem Weblog? Eben.

Worüber wurde dann geredet? Vor allem über Marketing. "Weblog" wurde in Boston zu weiten Teilen mit "Weblog im WWW" gleichgesetzt. "Mit Kunden sprechen" steht viel mehr im Vordergrund als der Umgang mit Wissen, ob persönlich oder im Austausch mit anderen. (Das war in Wien ganz anders!)

Interessant war die Diskussion darüber, wie "Marketing-Weblogs" denn aussehen werden: Werden die Marketers sie führen und letzlich wieder Marketingspeak, den keiner lesen will, produzieren (und dabei die Blogosphere "verpesten" wie die Pessimisten meinen)? Oder werden die Marketers wieder lernen, menschlich zu sein? Oder werden ganz andere Leute bloggen? Werden sich die CEOs "Ghostblogger" zu legen? Und wie ist das mit der rechtlichen Seite? Müssen Blogs von Juristen kontrolliert werden und brauchen wir Corporate-Blog-Richtlinien damit kein Schaden entsteht?

Rebecca Lieb in ihrem Rückblick auf die Konferenz:

So, marketers. How can you harness a viral tornado for your business? First and foremost, chill. The blogosphere will not tolerate control freaks. [...] Blogging wants to be free. It wants to be a lot freer than marketing and legal want it to be, not to mention the CEO. A Weblog by or about your company, product, or service will eventually contain an opinion, thought, or approach that displeases someone. Expect it, embrace it, and remain open. Blogging is informal, unstructured, and personal. It's not a corporate boilerplate.
Ich frage mich, ob (und wenn dann wann) die großen Unternehmen das verstehen werden. Auf dieser Konferenz waren sie gar nicht anwesend, wie Jeff Jarvis heraushebt:
It was shocking to me that there were no big online companies there -- no AOL, MSN, Yahoo, Comcast, eBay, Amazon, Sony and even TiVo. I asked for a show of hands. No hands. Various of them are looking at blogs and they all could benefit from blogs in exciting, even amazing ways. Here was an opportunity to sit in the room with scores of blog pioneers and learn, but they didn't bother. These companies may think blogs are simple (...)
(Jeff führt dann weiter aus, dass das im Grunde richtig, aber auf eine andere Weise auch vollkommen falsch ist.)

Mein Panel unterschied sich von den meisten anderen: Erstmal hatten wir die größte Europäerquote (Tim Ireland und ich saßen drauf - viele andere Europäer gab es auf der Konferenz eh nicht) und dann hatten wir die zwei schönen Fallstudien zu Weblogs zum Wissensaustausch innerhalb von Organisationen (Im Artikel im Boston Globe steht noch mehr dazu.). Da die Projekte wirklich vollkommen intern laufen und der Softwarelieferant Traction eine richtig miese PR hat (ok, was erwartet man von einem Unternehmen, das aus dem Geheimdienst entstanden ist?), kriegt von ihnen leider kaum jemand etwas mit. Trotzdem stimmt mich das hoffnungsvoll, dass wir bald mehr Geschichten von bloggenden Organisationen haben werden.

Intermission: Hatte ich schon auf Dan Bricklins Fotos von der Konferenz hingewiesen? Das Essen war richtig gut. :-) (Ich saß neben Beth Goza und gegenüber von David Weinberger - war ein sehr interessanter Abend.)

Die Diskussion rund um Tony Perkins und AlwaysOn, die zu großen Teilen ein ziemlich fundamentalistische Definitionsdebatte war, führte in der Nachbetrachtung doch noch zu interessanten Erkenntnissen. Michael O'Connor Clarke hat dazu etwas geschrieben:

One of the most interesting things Tony Perkins alluded to was in the middle of his Q&A session, and I'm not sure how many people picked it up in behind all the sizzling flame noise.

If I heard him correctly, I think he said that he can foresee a day, not too far in the future, when many of the key features associated with blogs will start to appear on "old media" online editions.

Imagine, for example, reading the New York Times online and being able to comment at the foot of a story, have access to a permalink, and for them to have trackbacks enabled. Cool.

Makes sense, too. This is an entirely feasible future.


Die Grenzen zwischen Blogs und anderen Medien verwischen. Klassische Medien werden Konzepte aus der Blog-Welt übernehmen, wenn sie nützlich sind. Das führt dazu, dass manche Blogger ihre "Identität" verlieren (und das ist wohl auch der Grund für die hitzigen Debatten). Wenn die NY Times auch Kommentare und Trackback hat, wie unterscheiden "wir" uns dann noch davon?

Alles in allem zwei (bzw. sechs, wenn man meinen Tourismus noch mitzählt) spannende und schöne Tage. Boston ist eine interessante Stadt. Air France ist eine skurrile Fluggesellschaft. Sicherheitskontrollen an amerikanischen Flughäfen verstoßen gegen Artikel 1 GG.

Danke, Jupiter für die Einladung; ich komme gerne wieder.

Im Archiv von Juni können meine live gebloggten Einträge nachgelesen werden.

 

mmh, brauch die welt wirklich "buisness weblogs"? warum immer der versuch, sofort alles marktwirtschaftlich auszuschlachten? kundenkommunikation und so nen gedöns?
auf den kunden hört doch sowieso niemand, also warumd er versuch, dialoge aufzubauen?
macht bessere produkte und labert nicht rum. ob mit weblog oder ohne.

dan am 27.06.03 18:35 #
 

Ansätze und erste Experimente gibt es mE bereits schon länger, gerade was den Wissensaustausch angeht. Da ich selbst aus der Lotus Notes Welt komme , kann ich Dir hieraus 3 Beispiele nennen:

Ed Brill - Produktmanager bei IBM/Lotus hat sowohl einen privaten wie auch einen offiziellen Blog. Er nutzt den privaten Blog als Versuch, mit Lotus Experten Gedanken auszutauschen, Hinweise zu geben, etc... ( http://www.edbrill.com/ )

Ben Langhinrichs, Besitzer von Geniisoft (bieten Software für Notes an) verwendet seinen Blog, um sogar auch neue Produktídeen bereits in der Frühphase gedanklich aufzubereiten und zu sharen ( http://www.geniisoft.com/showcase.nsf/GeniiBlog )

Rob Novak, Besitzer der Firma SNAPPS, führt ebenfalls einen eigenen Blog. http://www.snapps.com/blog/robblog.nsf/plinks/RNOK-5NNT5F
Ed Brill hat ihn zB in einem eigenen Blogartikel für eine Aktion öffentlich unterstützt (da werden einige IBM sicherlich blass vor Neid -> quasi public support)

Ich selbst bin beim größten deutschen Netzwerk junger Unternehmer Mitglied und ich habe bereits erste Kontakte geknüpft, um ein Modell vorzustellen, wie man die >200 Lokationen über Blogs miteinander vernetzen kann (zentraler Aggregator, RSS Search, Trackback, Offline Reader, Terminsharing über eigenen RSS Standard ...). Die ersten Gespräche verliefen recht erfreulich. Man muß nicht immer nur an die großen Unternehmen denken, die sich für sauteures Geld komplexe Portale einkaufen und customizen. Mit einem Blogsystem bekommt man für einen Bruchteil des Geldes ein adäquates Geld, es ist trendy, wenn es auch nicht bleeding edge Techniken anbietet (zB related Document bei Suchfunktion, aber dazu kann man auch in einem größeren Unternehmen Blogmodelle mit der Verity Suchmaschine kombinieren).

Ok, ich könnte jetzt ewig weiterschreiben, daß sich Blogs als einfache CMS Systeme und bestimmten Revivals alter Lösungen (Newsgroups, Push Technik, ...), die heute "in" sind wiederfinden werden.

Ich könnte schwören, daß sich TUI oder Neckermann bestimmt schon Gedanken machen, wie man Urlauber als embedded Tester von Hotels/Restaurants (auch multimedial per Audio/Video/Foto) in einem Blogsystem zur Steigerung des Kundennutzens gewinnen kann.

Mit ein bißerl Phantasie und einem guten Schuß Querdenken kann man recht schnell auf massig Anwendungsbeispiele kommen. Wenn auch nicht 1:1 Umsetzungen der jetzigen Bloggerwelt, aber wir haben ja n.n. einmal eine fertige Definition, da wir uns noch immmer in der Selbstfindungsphase befinden. Woran man das sieht? Na, jeder Blogger hat in nahezu jedem 3-4 Artikel was über "warum Blogging" oder dergleichen. Wir sind nun mal early adaptoren. Da verwundert es nicht, wenn man sich über die Auswirkungen, Nutzen, Fortentwicklungen etc. Gedanken macht. So sind early adaptors nun mal gebaut :-))

Robert Basic am 29.06.03 00:33 #