22. Juni 2003

[ Technologie , Trends ]

Über Fotohandys und die Allgegenwärtigkeit von Technologie

Es klingt wie eine nicht wahnsinnig wichtige Sache um das Sommerloch zu füllen: Kamerahandys als Schwimmbad-Aufreger titelt die futurezone (via couchblog) und publiziert einige wilde Äußerungen mehr oder weniger wichtiger Gruppen:

"FPÖ Tirol fordert Bann aus Bädern"
"Deutscher Bademeister-Verband entwirft Warnschilder und neue Badeordnung"
"Die Obfrau der freiheitlichen Frauen Tirols, Nadja Pramsoler, forderte erst am Mittwoch ein totales Verbot von Fotohandys in öffentlichen Schwimmbädern und Saunaanlagen."

heißt es das. Was ist das Problem?
"Dank neuer Handytechnik" könnten Voyeure mit Mobiltelefonen in den Umkleiden unauffällig "schamverletzende" Fotos oder Filmaufnahmen anderer Badegäste aufnehmen und "in kürzester Zeit auf ihre Websites im Internet stellen", sagte BDS [Bundesverband Deutscher Schwimmmeister!] -Präsident Paul Bröcher."

Alles einleuchtend und korrekt. Aber.

Was passiert hier wirklich? Wir erleben den Einbruch von Technologie in einen Bereich, der vorher Technologie-frei war. Und ja: Natürlich können jetzt leichter "schamverletzende" Fotos gemacht werden und ja: Es ist furchtbar leicht diese zu publizieren. Nur: Was genau löst ein Fotohandyverbot?

Es löst (möglicherweise) das Problem, dass Fotohandys in Schwimmbädern missbraucht werden. Aber ist das das Problem? Das, was aus meiner Sicht wirklich wichtig ist, ist viel größer:

Die Technik wird immer kleiner. Sie wird ubiquitär. Sie wird unsichtbar. Ich werde in wenigen Jahren eine Kamera haben, die so klein ist, dass sie in meinen Brillenbügel passt und ich sie durch Blinzeln oder durch einen Hirnstrom auslösen kann. Was dann? Ein Brillenverbot? Menschen, die nur noch nackt durch die Städte laufen, weil sie möglicherweise sonst voll mit Technologie bepackt herumrennen (die natürlich misbräuchlich verwendet werden kann) und somit ein Sicherheitsrisiko darstellen? Sehr unwahrscheinlich.

Der Punkt ist: Die Verfügbarkeit von Technologie überall ist nicht aufzuhalten! Heute können wir noch Fotohandys verbieten, morgen ist das völlig witzlos, weil meine Fotoapparate überall sein können und sie nicht mehr zu entdecken sind oder gar feststellbar ist, wann und was ich fotografiere. Kameras (und andere Technologie) werden überall sein. (Zumindest ist das technologisch möglich. Deshalb schleppen wir nicht notwendigerweise Kameras überall hin. Aber das Potential ist da - im Schwimmbad können um uns herum lauter Fotografen sitzen und wir bekommen nichts mit!)

Die interessante Frage ist also nicht: "Brauchen wir ein Fotohandyverbot und wie setzen wir das um?" sondern: "Wie gehen wir mit der Allgegenwärtigkeit von Technologie um?"

(Während ich diesen Eintrag schreibe falle ich via photojunkie in einen Absatz von Dan Gillmor genau zu diesem Thema:)

"It won't be long before we can embed cameras into our clothes or eyeglasses. What will happen then?"

Schon jetzt haben wir ähnliche Probleme in der Blogosphere: Wenn ich mich mit jemandem getroffen habe, und darüber blogge, nenne ich dann seinen Namen? (Möglicherweise kriegt er Ärger mit seiner Freundin, der er erzählt hatte, dass er woandershin gehen würde. Was ist, wenn sie das via Google herausfindet?)

Das ganze ist Teil einer größeren Sache, über die ich vor einigen Monaten schon einmal nachgedacht (oder meinetwegen "gebrainstormt" - ist das nicht ein furchtbares Wort?) hatte: Das immer-kleiner-Werden von Technologie mit der extremen Vereinfachung der Bedienung selbiger heißt Extreme Ubicomp; der Effekt, der möglicherweise in der Zukunft eintritt (Warnung: Das ist eine sehr, sehr neblige Vision, ein unstrukturiertes Nachdenken, ein "Free-Writing" - keine Prognose oder irgendetwas das für irgendjemanden außer mir sinnvoll sein muss), heißt Totale Wahrheit.

Trackbacks sind Links von anderen Weblogs auf diesen Eintrag.

"Die Technik wird immer kleiner. Sie wird ubiquitär. Sie wird unsichtbar. Ich werde in wenigen Jahren eine Kamera haben, die so klein ist, dass sie in meinen Brillenbügel passt und ich sie durch Blinzeln oder durch einen Hirnstrom auslösen kann....

Gedankenfetzen: Über Fotohandys und die Allgegenwärtigkeit von Technologie (22.06.03 21:10)

Der Guardian hat einen interessanten Artikel zum Stand des Picture Messaging, also dem Herumschicken von mit Fotohandys aufgenommen Bildern. (via Pervasive Computing News) Interessant ist, dass das Nutzungsverhalten ganz anders...

Das E-Business Weblog: Mehr zu Picture Messaging (06.07.03 18:22)

...

Das E-Business Weblog: "Nacktbilder und Fotos von Nadja aus Big Brother!" (08.07.03 15:43)

 

Hier in Bremen wird ernsthaft erwägt die Umkleiden in Schwimmbädern mit Videokameras zu überwachen um Schmiereien und Vandalismus zu verhindern. Da rege sich nochmal einer über Kamera-Handy auf *g*

Joern am 23.06.03 08:57 #
 

Passend dazu: Howard bespricht die DejaView-Minicam.

Rainer am 23.06.03 11:20 #
 

In der Stadt ist der Mensch (noch) anonym. Auf dem Dorf weiß jeder von jedem (oder erfährt es durch Klatsch). In der Stadt verwahrlost das öffentliche Leben (Richard Sennett), teilweise, weil die öffentliche Kontrolle fehlt (ohne damit sagen zu wollen, daß das Dorf ein Paradies gewesen wäre).Die Auseinandersetzungen über Kameras im öffentlichen Raum (Polizei, private, BigBrother (TV)) markieren den Frontverlauf in der schleichenden Redefinition, was noch öffentlich und was noch privat ist. Schamlosigkeit (Pornographie) und Verhüllung (Chador) markieren die Extrempunkte im Spektrum und existieren gleichzeitig in der selben (unserer) Gesellschaft.Die allgemeine Verfügbarkeit von Kameras läßt die unüberwachten Räume schrumpfen. Exhibitionismus ist freiwillig, Überwachung nicht. Schamhafte Menschen werden sich noch mehr verhalten müssen. Sozusagen der verallgemeinerte demokratisierte 'big brother' (Orwell).

Hans Augustin am 23.06.03 13:44 #
 

Die Fotos von Privatpersonen ohne deren Zustimmung ins Netz zu stellen, ist schlicht und einfach eine Verletzung von persönlichen Rechten ("Recht am eigenen Bild"), zumindest in Deutschland. Das Problem ist nicht das Fotohändi, sondern der Umstand, dass manche Leute glauben, wenn etwas technisch möglich und üblich ist, dann wird es schon erlaubt sein.

Transparent am 23.06.03 19:07 #