3. Juni 2003

[ Geschichten ]

[BlogTalk] Review Day 2

Tag zwei der BlogTalk. Wieder ist es eine Mühsal, den Taxifahrer dazu zu bringen, uns zum Veranstaltungsort zu bringen. Irgendwie kommen wir auf Tiefgaragenhöhe an, erklettern Treppen und schwingen uns und unsere Notebooks über das Geländer und sind dann tatsächlich da. Wenigstens sind wir jetzt wach.

Der Tag beginnt mit dem interessanten Vortrag von Rebecca Blood (Nachtrag: Sie hat den Text ihrer Keynote im Volltext ins Netz gestellt). Ich misinterpretiere Rebeccas Jetlag als übermäßige Routine. Zum Glück gibt es Blog-Kommentar-Funktionen um sowas zu korrigieren.
Rebeccas Keynote musste bei mir erst ein wenig "sacken". Auf der Konferenz hielt ich den Effekt der "echo chambers" für nicht so gravierend. Inzwischen beobachte ich ihn aber an verschiedenen Stellen in der Blogosphere und zum Teil auch bei mir selber. Da ist noch viel drüber nachzudenken.

Das erste Panel wurde moderiert von Michael Schuster, aka smi. ("eine gute erfahrung, wenngleich eine neue.") Die Vorträge waren durchweg toll und "die diskussion war spannend und diszipliniert" (smi).

Da war Henry Copeland mit interessanten Gedanken zur Werbung in Blogs und zur "Hubness", Lilia Efimova unterhaltsam und inspirierend und Phil Wolff, der bis morgens um halb 5 noch an seinen Folien gearbeitet hatte und dafür erstaunlich wach aussah. Er hatte mit am Vorabend erzählt, dass er seinen Vortrag zunächst komplett in Powerpoint ausgearbeitet hatte und dabei 300 Folien herausgekommen waren. In dieser Nacht dampfte er die dann auf ca 30 ein (hier ist eine davon.).

In der zweiten Session ging es ähnlich gut weiter. Gabriela Avram sprach über die Erfahrungen beim Einsatz von Weblogs in einem Forschungsprojekt. Gabriela ist eine sehr sympatische Frau. Am Sonntag haben wir uns bei einem Spaziergang durch Wien länger unterhalten. Ich freue mich schon auf die nächste Begegnung.

Jeremy Cherfas Vortrag war mein persönliches Konferenzhighlight. Er erzählte Geschichten darüber, wie er in seiner Organisation (er bat darum sie nicht zu nennen. Es ist eine große landwirtschaftliche Forschungsorganisation.) ein Weblog starten wollte. Ihm zuzuhören ist eine einzige Freude. Ich habe Tränen gelacht und dabei gleichzeitig noch eine Menge gelernt. (Ulrich van Stipriaan hat eine schöne Portraitfotographie von Jeremy angefertigt.)

Nach dem Vortrag wagte Azeem Azhar, der das Panel moderierte eine riskante Äußerung:

"The IT department is much more like the people cleaning the toilets..."

und Papa Scott rief rein:
"Somebody has to do it!"

Das ganze Saal lachte.

Next: Ulrich van Stipriaan, der zweite Dresdner Blogger. Er erzählte von den Erfahrungen bei der Einführung des "Baublog" an seiner Fakultät der TU Dresden und zeigte natürlich ein paar schöne Dresden-Fotos, um meine von Luxemburg zu komplementieren.

Mittagspause. Auf dem Weg von der Betonwüste zur Donauinsel, auf der leichtbekleidete rollerbladebewehrte junge Damen die richtige Kulisse für ein exzellentes Mittagessen Strand-Bretterbude abgaben, ein langes Gespräch mit Nico Lumma über Werbung und Blogs. Spannend.

Dank des wirklich guten Essens und des wirklich langen Weges zurück über staubige Parkplätze in den Beton verpassten wir das Blogumentary-Video.

(Warum springe ich in diesen Erzählungen eigentlich immer vom Präsenz ins Präteritum und zurück? Frau Geisen, wenn Sie hier mitlesen: Es tut mir leid!)

Ich schlich mich in einer der hinteren Reihen. Das WLAN war mal wieder weg, also fiel live-bloggen und -emailen aus. Ich nutzte die Gelegenheit um die Journal-Applikation meines Tablet zu testen und machte handschriftliche Aufzeichnungen von Vorträgen des letzten Panels.

Gilbert Cattoire sprach über Erfahrungen in Sarajevo während des Jugoslawienkriegs 1995. Über eine Satellitenverbindung hatten er und einige Journalistenkollegen damals eine Datenverbindung in die Welt, die sie Bewohnern der Stadt zur Verfügung stellten. Am Ende seines Vortrags ließ er einige Folien mit Inhalten, die damals von den Einwohner Sarajevos verschickt worden waren, ablaufen. Es lief mir kalt den Rücken hinunter. Das sind diese Momente, in denen du spürst, wie wunderbar das Internet ist.

Dan Gillmors Vortrag war sehr interessant. Mich überraschte ein wenig, dass einige der Anekdoten, die er erzählte, dem Publikum offenbar völlig neu waren (z.B. die des live-korrigierens eines Referenten auf einer Konferenz via WLAN und Weblog.) Manche Geschichten, die in der englischsprachigen Blogosphere praktisch omnipräsent sind, sind in der deutschsprachigen anscheinend kaum durchgesickert. Interessant.

Den Abschluss machte Jose Luis Orihuela In seinem Vortrag stellte er 10 Thesen zu den Neuen Medien vor. Nicht alle sind überzeugend und ob es wirklich 10 hätten sein müssen ist auch fraglich, aber wen interessiert das schon, wenn er so interessant und lustig vorträgt? Bei ihm erfuhr man unter anderem, dass die Erfindung der Druckerpresse daran schuld ist, dass wir in Europa so gutes Bier haben. (Vorher beschäftigten sich Mönche vor allem damit, Bibeln handschriftlich zu kopieren. Dann kam die Druckerpresse. Also brauchten sie eine neue Spezialisierung... ) Merci, Gutenberg!

Damit endete der offizielle Teil des letzten Konferenztags. Ulrich und ich gaben noch einer jungen Forschergruppe aus Skandinavien ein Interview; so lange bis man uns aus dem Konferenzzentrum hinauswarf. Dann machten wir uns wieder auf den Weg zurück zum Hotel, wo der Abend auf uns wartete... dazu später mehr.

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I was actually hoping noone had bothered to write down the toilet-cleaning remark... :-)

Even worse, on the train back to my hotel that night, I was accosted by a group of Swedish bloggers accusing me of being 'the evil IT guy'!

Scott Hanson am 09.06.03 16:57 #