15. Mai 2003

[ Geschichten ]

Ausarbeitung zur Wiederherstellung des Flow. Türklingeln.

Ab heute ändere ich meine "Was tue ich wenn es an der Tür klingelt"-Policy. Oder ich montiere die Klingel ganz ab.


Ich arbeite in einem sehr schönen Eckzimmer, das die Rudolf-Leonhard- und Erlenstraße in der Dresdner Neustadt überblickt. Unter mir das Hechtviertel, über mir nichts mehr, nur noch das Dach und der Himmel.

Das bringt mit sich, dass meine Türklingel am Klingelbrett ziemlich weit oben angebracht ist.

Die Haustür des Hauses ist gewöhnlich verschlossen. Die Briefkästen befinden sich drinnen.

Es gibt eine elektrische Türsprechanlage, mit der man von den Wohnungen aus nach unten sprechen und die Tür öffnen kann, nachdem jemand geklingelt hat.

Die Klingelanlage funktioniert so, dass immer genau eine Verbindung vom Klingelbrett zur angeklingelten Wohnung geschaltet wird, wenn geklingelt wurde.


Ich arbeite viel. Das bringt mit sich, dass ich viel hier bin. In diesem Büro. Mit Klingel. Die am Klingelbrett weit oben angebracht ist.


Es gibt Werbeverteiler. Das sind Menschen, die verteilen Werbung. Es gibt Boten. Die verteilen Briefe und Pakete. Sie alle haben nur ein Ziel: Sie wollen zum Briefkasten. Hinter der Tür. Der verschlossenen. Sie alle erkennen sofort: Die Tür muss sich öffnen, wollen sie zum Briefkasten gelangen. Sie alle nehmen das Klingelbrett wahr. Und sie schließen scharfsinning: Der Weg zum Öffnen der Tür führt über das Klingelbrett.


Ich bin ein friedliebender Mensch. Ich mag Menschen. Ich denke, dass Menschen gut zueinander sein sollten, sich helfen sollten. Wenn das alle so machen, können wir alle ziemlich gut zusammenleben und glücklich sein. Ich versuche deshalb, Menschen zu helfen, da wo es geht. Bei Kleinigkeiten ist das sehr einfach. Diese Situationen, in denen du selbst kaum was machen musst, aber anderen damit weiterhilfst. Jemandem fällt was runter und du hebst es auf. Du bietest der alten Dame deinen Platz in der Bahn an. Alles sehr einfach. Macht alles Freude.

Werbeverteiler und Boten sind auch Menschen.


Der problemlösende Mensch geht Probleme meist so an, dass er den IST-Zustand analysiert, den SOLL-Zustand definiert und dann eine Strategie entwickelt, wie er vom IST zum SOLL kommen kann. Genauer: Wie er mit geringstmöglichem Einsatz zum SOLL kommen kann. Der einfachste Weg von A nach B ist die Gerade.

Problem:
IST: Die Tür ist zu.
SOLL: Die Tür muss auf.
Strategie: Die Tür mittels des Wegs über die Klingelanlage öffnen.
Problem: Welchen Klingelknopf drücken?


Der problemlösende Mensch ist, mit simplen Problemen konfrontiert, oft ein simpel denkender Mensch. Vermutlich noch aus der Steinzeit durchevoluierte Triebe walzen sich durch sein Hirn: "KLINGELN! FINGER AUSFAHREN!" Der Finger wird ausgefahren. Grobmotorik, Feinmotorik, alles passt. Allerdings, der Ingenieur wird es bemerkt haben: Die Anweisung war nicht genau genug. "Klingeln" reicht als Beschreibung des Vorganges nicht, wenn man ein Klingelbrett mit 12 Knöpfen zur Auswahl hat.

Systeme reagieren in solchen Fällen auf zwei unterschiedliche Weisen: Sogenannte fehlerintolerante Systeme brechen zusammen. Ein Windows-Computer ist zum Beispiel so eins. "Schwerer Ausnahmefehler im Modul Klingeln: Klingelknopf nicht definiert. !6#7/GH85AXH%$##" Absturz.

Sogenannte fehlertolerante Systeme können damit umgehen. Sie entscheiden dann nach einer vorgegebenen Regel, zu Beispiel: "Mach einfach irgendwas. Aber mach." oder "Do the simplest thing that possibly works". Das menschliche System ist ein fehlertolerantes System. Und wenn die Anforderungen simpel sind, reagiert es simpel.


Der Finger landet auf dem obersten Klingelknopf. Immer. Nichts geschieht: Klar, denn dort wohnt zur Zeit auch niemand. Man sagt, die Herrschaften wären Seeleute und die meiste Zeit eben auf See. Vielleicht sind sie auch woanders. Vielleicht sind sie tot. Wie auch immer: Sie sind nicht da. Hören also die Klingel nicht. Öffnen die Tür nicht.

In seiner ganzen Flexibilität reagiert der klingelnde Mensch natürlich. Und drückt auf den zweiten Knopf. Meinen. Es klingelt.

Menschliche Geduld ist begrenzt. Der Grund dafür liegt vermutlich in der Endlichkeit menschlichen Lebens. Würden wir ewig leben, könnten wir auch ewig vor verschlossenen Haustüren auf Türöffnung warten. Doch wir leben nicht ewig. Deshalb haben wir es eilig.

Ein Mensch, der das Klingeln nur als Vehikel zum Zugang zu einem Briefkasten begreift und nicht als Eintritt in den Kosmos des klingeltonschallwellenempfangenden Individuums, hat wenig Zeit. Er nimmt das Klingelbrett wie eine Glücksspielmaschine wahr: Man drückt einen Knopf und entweder klappt es und die Tür öffnet sich, oder nicht.

Mit dem ersten Klingelmiserfolg steigt beim erfolglos Klingelnden das wahrgenommene Risiko eines weiteren Klingelmiserfolgs. Dies führt zu einem erhöhten Adrenalinausstoß und einer weiteren Verkürzung seines Geduldsfadens filum patientiae.

Es sind also nur wenige Sekunden, bis er, wenn er kein sofortiges Feedback bekommt, den nächsten Klingelknopf betätigen wird!


Der Weg von meinem Schreibtisch bis zur Klingel ist lang. Ich sitze ja an der schon beschrieben Hausecke, weil ich beim Arbeiten rausgucken will. Die Klingel ist am Ende des Flurs, ganz "im" Haus.


Ich konnte das immer ganz gut: Zur Klingel laufen, mir den Begehr des Klingelnden anhören ("Gönnsemol de Düre uffmochn? Ischwill nurn boar Brosbegde verdeiln!"), die Tür mittels der elektrischen Vorrichtung öffnen. Es entspannte ein wenig. Lies mich die Arbeit kurz unterbrechen, aufstehen, ein paar Schritte gehen und mit einem Mitmenschen kommunizieren. Auf dem Rückweg zum Schreibtisch dann diese warme Gefühl jemandem geholfen zu haben. Es gibt Schlimmeres.

Aber jetzt reicht es. Denn die neue Generation von Türklinglern - ich kann es mr nur so erklären - hat das Prinzip nicht verstanden. Oder sie haben eine insgesamt kürzere Lebenserwartung. Oder haben einen anderen Grund. Oder eine Fehlschaltung im Hirn. Auf jeden Fall ist da eine neue Generation und die drückt im Abstand von zehn Sekunden die Klingelknöpfe durch.

Keine gute Idee. Zwar erlebe ich dadurch immer noch den fitnesssteigernden Effekt des Aufstehens, aber ich werde um mein menschliches Hilfsbereitschaftserlebnis gebracht! Denn, ca. 2 Meter vor der Klingel höre ich das Schellen auch bei meiner Nachbarin und weiß: Jetzt hat er Pech gehabt. Selbst wenn ich wollte, könnte ich die Türe nun nicht mehr öffnen. Aber dann will ich eh nicht mehr. Diese Menschen wollen von mir 20 Sekunden meiner Lebenszeit. Also sollten sie auch bereit sein, so viel zu geben. Sie tun es nicht.

Auch das wäre noch halb so schlimm, wäre da nicht die Bevölkerungsexplosion. Oder die Werbungsexplosion. Oder die Postexplosion. Oder wasauchimmer da explodiert ist. Jedenfalls kommen sie zahlreich. _Sehr_ zahlreich. Haben Sie mal in einem Ameisenhaufen gesessen? Ich mein ja nur. Wenn sie das mal gemacht haben wissen sie was zahlreiche Ameisen sind. Versuchen sie es sich vorzustellen. Zahlreich.

Ich mag nicht mehr. "Ich will lernen, ich will arbeiten! Ich will lernend arbeiten! Ich will arbeitend lernen!" (Rudolf Steiner) aber ich will nicht durch meinen Flur rennen. Wirklich nicht.

Ich ignoriere die Klingel jetzt. Wer mich unvorangemeldet besuchen will, möge mir einen Stein gegen die Fensterscheibe werfen. Ich glaube, ich schraube das Ding ab. Ruhe wird mich umhüllen. Endlose Ruhe. Und die Sonne wird scheinen. Und die Gedanken werden fließen...

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Auch ich bin glücklicher Inhaber der obersten Klingel. Warum? Weil ich ganz oben wohne. Und da wird immer zuerst geklingelt. Pech für mich, daß wir keine Gegensprechanlage und auch keinen Summer haben. Pech für sämtliche Prospektverteiler, Neupostboten und Nachbargäste, daß ich keine Lust mehr habe, den Pförtner aus dem dritten Stock zu spielen und das Türöffnen vollkommen eingestellt habe.

Sanníe am 15.05.03 19:26 #
 

Vielleicht erfordert die neue Generation von Türklinglern eine neue Generation von Klingelkästen, die bei mehr als einmal Klingeln pro 10 Sekunden erst mal auf Tilt schaltet und dem Klingler eine Denkpause verpasst.

Das wäre schon eine Verbesserung, aber der oberste auf dem Klingelkasten wäre weiterhin benachteiligt. Die Profi-Ausführung sollte deshalb eine große, gut sichtbare Um-Einlass-Bettel-Klingeltaste haben, die man zweimal pro 10 Sekunden betätigen kann und daher auf den Vielfach-Klingler einen großen Anreiz ausübt. Da es dem Dauerscheller völlig gleich ist, wer ihm den Weg zu den verborgenen Briefkästen ebnet, entscheidet es sich bei der Spezial-Taste nach dem Zufallsprinzip, in welcher Wohnung es klingelt. Damit wäre Gerechtigkeit unter den Hausbewohnern hergestellt.

Ist diese Marktlücke schon geschlossen? Ist doch eigentlich eine simple Idee zu einem offensichtlich weit verbreiteten Problem. Man muss ja nicht gleich an die Deluxe-Version denken, die aufzeichnet, wer dem Klingler geöffnet hat und einmal pro Jahr eine Statistik ausdruckt, die als Schlüssel bei der Nebenkostenabrechnung verwendet wird.

Branko am 15.05.03 20:18 #