6. Februar 2003

[ Marketing ]

Ein offener Brief an den HighText-Verlag

HighText Verlag
Joachim Graf
Wilhelm-Riehl-Straße 13
80687 München

Dresden, 6.2.2003

Sehr geehrter Herr Graf,

vor einigen Jahren war es noch so schön: Auf iBusiness.de standen schöne, aktuelle IT-Nachrichten und ich freute mich regelmäßig über den eMail-Newsletter mit Teasern und Links zu den Artikeln. Alles sehr interessant und sehr nützlich. Irgendwann wurde eine Registrierung fällig, die ich gerne vornahm.

Dann kamen "Premium-Services" in Mode und manche Artikel waren für mich nicht mehr abrufbar. Halb so schlimm, denn die verbleibenden waren immer noch interessant genug und auch mit den Werbehinweisen auf das Abo und andere Publikationen konnte ich leben. Gelegentlich kaufte ich sogar eine Studie oder ein Papier.

Doch dann nahm das Elend seinen Lauf: Immer mehr Werbehinweise, fast ausschließlich "Premium"-Links... eigentlich war absehbar, dass hier etwas schief gehen würde. Die 250 Euro Jahresgebühr wollte ich nicht ausgeben und ich war schon fast so weit, den Newsletter abzubestellen und meiner Wege ziehen, als mich ihr Angebot erreichte, mich wieder in das iBusiness Jahrbuch einzutragen.

Einen kostenlosen Eintrag versprachen sie mir, in der gedruckten und der Online-Ausgabe, erweiterbar um Logo und weitere Informationen, gelesen von vielen wichtigen Entscheidern. Gerne trug ich mich wie schon im letzten Jahr wieder ein. Das war zwar aufwändig - bestimmt 8 Masken waren im Web auszufüllen, ein PDF zu erstellen, dieses zu unterschreiben und zurückzufaxen - aber in Spekulation auf den Werbeeffekt nahm ich es gerne wieder auf mich.

Heute bekam ich wieder Post von ihnen. Und darin hieß es:

der Redaktionsschluss für das 'iBusiness Jahrbuch 2003' steht
unmittelbar bevor. Deshalb schicke ich Ihnen den Link,
damit Sie sehen koennen, wie die 98.000 registrierten
iBusiness-Mitglieder und die 300.000 monatlichen Besucher
die Firmendaten von Martin Röll - eBusiness Consultant sehen:
http://www.hightext.de/members/branche/jahrbuch/db/1002729727.html

Ich verfolgte den Link und sah... nichts. Verwundert las ich weiter:

Die Einschränkung hat folgenden Grund: Nur durch zahlreiche
bezahlte erweiterte Einträge war uns in den vergangen Jahren möglich,
sämtliche Einträge online und print zu publizieren. Diese Mischkalkulation geht dieses Jahr nicht auf. Denn heuer sparen viele Unternehmen, weswegen bislang deutlich weniger Buchungen vorliegen. Und deswegen

*** können wir dieses Jahr Ihren kostenlosen Grundeintrag leider weder drucken noch online für alle Nutzer freischalten ***.


Es folgten weitere 20 Zeilen, in denen sie kostenpflichtige Einträge bewarben.

Ich habe eine Weile noch nach einer Entschuldigung oder einer Erklärung gesucht, aber keine gefunden. Nichts.

Herr Graf - "Wir können ihren Eintrag nicht drucken"? Das ist doch Unsinn! Sie wollen nur nicht mehr! Wissen Sie, wie man so etwas nennt? Eine Lüge. Ein gebrochenes Versprechen.

Und wie das zwischenmenschlich so ist, ist das eben auch im Geschäftsleben: Wer andere anlügt oder seine Versprechen nicht einhält, wird einsam.

Ich habe jede Menge Verständnis für die geschäftlichen Schwierigkeiten von Verlagen, aber keins für die Rücknahme von Versprechen ohne Entschuldigung oder Kompensationsangebot. Geschäftsbeziehungen, in die ich einzahle, ohne etwas zurückzubekommen, machen für mich keinen Sinn. Deshalb endet hier die Geschichte: Ich werde mich aus ihren Newslettern austragen und die Unterlagen zum Jahrbuch löschen und eben die Produkte anderer Verlage konsumieren.

Ich wünsche Ihnen viel Glück für die Zukunft - Mögen Ihre Berater viel Weisheit besitzen und Ihre verbliebene Kunden leidensfähiger sein als ich! Und vielleicht sehen wir uns ja ein zweites Mal wieder.

Mit freundlichen Grüßen,
Martin Röll

 

Tja, und wieder ein schönes Beispiel für die Probleme der Online-Publisher und die Versuche, mangelhafte Geschäftsmodelle auf dem Rücken der Nutzer durchzudrücken. Siehe auch "Internationale Online-Publisher: Finanzielle Möglichkeiten zu 70% ungenutzt" und "Online-Publishing in der Krise?". Mir sind in den letzten 14 Tagen mindestens fünf Newsletter in die Mailbox geflattert, bei denen die Anbieter meinen, sie wollen ab x.x. Abogebühren haben. Früher hiess es: Gib mir Deine Daten, ich gebe Dir meinen Content. Gebrochene Versprechen allenthalben... :-(

Markus

Markus am 06.02.03 20:14 #
 

Ich glaube, wir lesen die gleichen Newsletter... *seufz* Besonders das von Dir angeführte "Für das künftige 80-Euro-Abo erhalten Sie Consulting-Leistungen im Werte von 575 Euro,(...)" begegnet mir in letzter Zeit immer öfter. (Übersetzt ist das wohl: "Neu: Sie zahlen nur ein Siebtel des Honorars, ich arbeite aber immer noch so gut wie vorher. Wirklich."

Martin Röll am 06.02.03 23:13 #
 

Hallo, Herr Röll,
Vielen Dank für diesen offenen Brief. Auch wenn er den HighText Verlag kritisiert. Denn dass Sie sich über uns so intensiv ärgern, zeigt, dass Sie etwas (wenn auch anderes) von uns erwarten. Danke

Sie haben Ihre Unternehmensdaten zur Veröffentlichung im iBusiness Jahrbuch 2003 eingegeben. Seit der Erstausgabe im Jahr 1997 haben meine Mitarbeiter und ich uns stets bemüht, Einkäufern mit dem iBusiness Jahrbuch ein Verzeichnis an die Hand zu geben, dass (im Gegensatz zu anderen) alle Firmen listet. Nicht umsonst nennt es die Marketingfachpresse "Bibel der Branche". Denn gerade kleinere Agenturen und Dienstleister brauchen eine Plattform, um ihre innovativen Services vorzustellen.

Doch dieses Jahr wurde uns der Erfolg des iBusiness Jahrbuch als vollständiges Dienstleisterverzeichnis zum Verhängnis. Allzu oft hörte unser Mediateam den Satz: "Ich finde das iBusiness Jahrbuch toll. Deswegen reicht mir diesmal der kostenlose Grundeintrag."

Ich sage Ihnen, wie es ist: Nur die vielen Logoschaltungen, Online-Freischaltungen und Anzeigenbuchungen erlauben es uns, sämtliche Einträge zu publizieren. Diese Mischkalkulation geht dieses Jahr nicht auf. Denn heuer sparen viele Unternehmen auch bei kleinen Summen (wofür ich vollstes Verständnis habe). Deswegen liegen uns aber bislang deutlich weniger Buchungen vor. Und deswegen können wir dieses Jahr ihren kostenlosen Grundeintrag leider nicht drucken. Denn der Druck in fünfstelliger Eurohöhe ist einfach nicht gedeckt.

Im iBusiness Jahrbuch 2003 können wir ausschließlich die Profile der Unternehmen drucken, von denen uns mindestens eine Logo-Buchung vorliegt. Ihre Daten sind nach jetzigem Stand online bzw. auf der Jahrbuch-CD-ROM abrufbar. Das ist zwar eine Einschränkung. Aber:
Dieses Wirtschaftssystem, in dem Sie und ich leben und arbeiten ist einfach: Geld für Leistung. In diesem Fall Medialeistung.

Ich halte das ebenso transparent wie nachvollziehbar. Ihren Ärger verstehe ich. Sie schreiben selbst: "Geschäftsbeziehungen, in die ich einzahle, ohne etwas zurückzubekommen, machen für mich keinen Sinn" - wir investieren seit 1991 in die Multimedia- und Online-Branche und glauben (im Gegensatz zu vielen anderen) nach wie vor an sie. Und deswegen eine ganz klare Entscheidung: Der, der zahlt, bekommt mehr.

Und der der nicht zahlt (wie in diesem Fall Sie), bekommt immerhin noch ein bisschen etwas. Und das ist mehr, als Sie bei anderen bekommen.

Für eine vertiefende Diskussion stehe ich Ihnen natürlich gerne als Sparringpartner zur Verfügung.

Herzlich, Ihr
Joachim Graf

Joachim Graf am 07.02.03 11:13 #
 

"Für eine vertiefende Diskussion stehe ich Ihnen natürlich gerne als Sparringpartner zur Verfügung."

Au weia. Ich hätte einen friedlicheren Begriff bevorzugt. Muss man sich immer gleich kloppen? Und dann noch auf dieser friedlichen Site? Gibt´s da nicht andere Orte mit begeistertem Publikum?

Don Alphonso Porcamadonna am 07.02.03 14:11 #
 

Och, ich glaube schon, dass wir bei einer Klopperei auch hier ein begeistertes Publikum finden würden... doch bleiben wir friedlich:

Herr Graf, sicher ist ihre Entscheidung "transparent und nachvollziehbar", aber das hilft gar nichts, wenn sie kundenunfreundlich ist. Sie haben mit dem Versprechen, eine Leistung zu erbringen, einige hundert Leute dazu gebracht, Ihnen ihre Zeit zu schenken. Und nun kommen Sie mit "nachvollziehbarer" Argumentation an und enttäuschen sie. Es interessiert keinen Menschen, ob ihre Kalkulation (oder besser: Spekulation?) gut oder schlecht war - Ihre Kunden haben gegeben, jetzt sind Sie dran. Wenn Sie das nicht tun, werden die Kunden eben gehen. Aber bestimmt nicht noch mehr investieren.

Martin Röll am 07.02.03 15:47 #
 

Lieber Herr Röll,

Ihre Darstellung ist interessant und Ihr Ärger verständlich. Aber in Ihrer Argumentation verwenden Sie leider die falschen Worte, sodass Ihr "Sachvortrag" einen falschen Anstrich bekommt. Wie ich dem ersten Brief entnehme, waren Sie zu keiner Zeit "Kunde" bei Herrn Graf - folglich gab es auch nie eine "Geschäftsbeziehung" die gefährdet werden konnte. Kunden sind per Definition Geschäftspartner, die ein Leistung bestellen für die Sie einen Ausgleich leisten, entweder durch Geld oder Sachwerte. Sie aber haben zu keiner Zeit etwas bezahlt, zumindest geht es aus Ihrem Text nicht hervor.
Außerdem irren Sie, wenn Sie sagen, dass Lügen im Geschäftsleben einsam machen. Ich kenne ein paar Dutzend große Firmen die mit falschen Versprechungen sehr reich geworden sind - davon gibts sogar in der IT-Welt eine ganze Menge.

Im Klartext ist doch folgendes passiert: Sie haben jahrelang die kostenlosen Kirschen von Herrn Graf gegessen und als es keine mehr gab, haben Sie ihn auch noch beschimpft, dass Sie sich vergebens auf den Weg gemacht haben. Sie haben eine kostenlose Leistung als gottgegeben angesehen und erwarten, dass sie bis an Ihr Lebensende weiterhin vom Himmel fällt.

Jedem, der auch nur einmal kostenlos bei Herrn Graf annonciert hat, musste klar sein, dass es irgendwann damit vorbei sein muss, denn auf Dauer hat im Businessleben Niemand etwas zu verschenken - oder ist das bei Ihnen anders?

Viele Grüße aus New York
Harald Weiss

Harald Weiss am 04.08.04 01:37 #
 

Hallo Herr Weiss,

"Gelegentlich kaufte ich sogar eine Studie oder ein Papier." So steht es oben im Text.

Das mit dem Lügen... tja, womöglich haben Sie Recht! Das ist vielleicht mehr meine naive Wunschvorstellung als die Realität, dass Lügner durch Einsamkeit sanktioniert werden. Der Erfolg und die Einsamkeit schließen sich aber nicht gegenseitig aus, oder? Erfolg kurzfristig, Einsamkeit langfristig, wenn die Kunden gemerkt haben, dass sie belogen wurden? Aber jetzt sind wir schon ziemlich weit von der Hightext-Sache weg. (Sie ist auch schon über anderthalb Jahre her, das haben Sie gesehen, oder?)

Ich habe übrigens eine ganze Menge zu verschenken. Tragen Sie sich hier drüben ein oder lesen Sie eine Weile mit, dann verstehen Sie, wie ich das meine und wie das geht.

Beste Grüße,

Martin Röll am 04.08.04 08:12 #
 

Über den Link in einer Liste bin ich gerade auf diesen Thread gestoßen, zu dem ich nun auch noch meinen Senf geben will:

Mein Eintrag im i-business-Jahrbuch, teils mit, teils ohne Logo, hatte über die Jahre nur den Effekt, dass er mir in reichem Maß Werbeanrufe bescherte. Ich liebe es, aus der Suche nach der richtigen Formulierung durch Fragen nach "dem Geschäfstführer" herausgerissen zu werden! Die "Bibel der Branche" ist vor allem die Bibel der Kaltakquisiteure und Telephonspammer. Der Hightext-Verlag preist seinen Adresspool ja auch an wie sauer Bier.
Aus diesem Grund hatte ich sowieso schon überlegt, wie ich aus dem Jahrbuch wieder herauskomme, ohne dass es so aussieht, als gäbe es "webwege" nicht mehr. Freundlicherweise hat der Hightext-Verlag selbst mir die Antwort gegeben.

Birgit Nußbaum am 22.09.04 00:15 #
 

Danke für diese Blog-Einträge, Martin Röll,

es hat mir gezeigt, dass mein Bauchgefühl richtig war. Mein Eindruck: dieser Verlag muß dick "aufbuttern" ohne Nachweise für die gemachten Behauptungen zu bringen und aus Sparsamkeit die Billigvariante "Spam" nutzen.


In einem Spam-mail wurde uns mitgeteilt,
- dass schon weit mehr als(!) 900 Einträge bereits da sind. Bei online-Recherche war in einem Beitrag von 2005 mit angeblich 2500 Einträgen die Rede. Hm, was sind "weit mehr"? Einer? Also ca. 1399 die nicht mehr "mitspielen"? Oder woher der Schwund?

- dass es die "Bibel der Branche" ist. Den unbescheidenen Ausdruck habe ich im o.g. Mail-Anschreiben an uns, in einer Eigenannonce des Verlags und hier gefunden. Sonst nennt - auf gut deutsch - "keine Sau" dieses Verlagswerk so.


- dass "seit über 10 Jahren dieses Branchenlisting" die Bibel ist, ist dann noch die Steigerung der Dreistigkeit. Auch hier Übertreibung, die bei kritischem Blick als Lüge bezeichnet werden kann. Die Seiten gibts noch keine 10 Jahre und dann gleich zu Anfang schon eine Bibel?

Also nochmal Danke für diesen Blog-Thread und dass hier öffentlich ein paar Meinungen zur Verfügung stehen zu kostenpflichtigen Werbungen u. Infobeiträgen diese "Bibel-Unternehmens".

U. Kutsche am 13.01.06 11:56 #
 

[2007-01-12 gelöscht MR.]

Ulrich Baumhögger am 29.03.06 22:12 #
 

Ich hab mich rückversichert: Der Herr scheint echt zu sein und möchte das wirklich so schreiben. Ich mach den Thread demnächst wahrscheinlich trotzdem zu. Mal sehen, ob Hightext noch was sagen will. Wenn nicht - auch gut.

Martin Röll am 30.03.06 14:29 #
 

"Alles G'schmacksach" hat dr Aff gsagt ond in'd Seif' bissa: Der HighText-Verlag bietet seit nunmehr 15 Jahren brancheninformationen für die Multimedia-Branche an. Da mag sicher hin und wieder was daneben gehen - wir bemühen uns um Besserung. Über 130.000 registrierte Nutzer zählt iBusiness.de - die überwiegende Mehrheit (siehe Kundenmeinungen auf www.ibusiness.de) ist mit dem Service zufrieden. Und die allermeisten verstehen auch, dass für hochspezialisierten Content auch Geld zu zahlen ist.


Nur zur Richtigstellung deshalb:


  • [2007-01-12 gelöscht. MR.]
  • Bibel der Branche: Ich habe ein dutzend Belege, in der Fachpublikationen genau dieses über das iBusiness Jahrbuch schreiben. Aktuell liefert http://www.ibusiness.de/dienstleister/ über 1.800 aktuelle Firmenprofile aus der Interaktiv-Branche. Die EMail an registrierte Nutzer des Vorjahrs sprach von "schon 900 Firmenprofile aktualisiert - ihres sollte nicht fehlen"
  • Die Marktübersicht der Interaktiv-Dienstleister macht der HighText seit 1991. Als Jahrbuch gibts das seit 1995. Die aktuelle Datenbankversion ist in der Tat jünger.

Ansonsten: Jeder Kunde, der sich beschwert, wird bei uns ernst genommen und individuell betreut. Alle anderen übrigens auch....

Viele Grüße aus München!
Joachim Graf

Joachim Graf am 08.05.06 13:58 #
 

Machen wir den Sack zu, bevor das hier zum Hightext-Kunden-und-Exkunden-Forum wird.

Martin Röll am 08.05.06 14:38 #