6. Januar 2003

[ Consulting , Geschichten ]

Ein Konzept? Brauche ich das?

Mein Seufzer des Vormittags - eine Geschichte, die ich so oder anders auch alle paar Wochen wieder erlebe (via eDings):

Gestern am Telefon: Kunde: Guten Tag, ich brauche eine Website. Und jemanden, der sie für mich schreibt. Bin ich da bei Ihnen richtig?

TXT: Aber ja! Goldrichtig sind Sie hier.

Kunde: Was kostet es denn, wenn Sie mir eine Website schreiben?

TXT: Nun ja, das lässt sich jetzt so mit einer einzigen Zahl nicht einfach beantworten. Da muss ich mehr wissen: Was ist das Thema? Wie viele Unterseiten sind geplant? Liefern Sie Vorlagen für die Texte? Existiert bereits ein Konzept?

Kunde: Nein, es existiert kein Konzept. Ich dachte, das machen Sie? Und das Thema? Nun, ich möchte meine Firma, ich habe ein Baufachgeschäft, im Internet präsentieren. Die Gestaltung macht mein Sohn, der kann das schon ganz gut (sic!), aber er sagt, er müsse zunächst wissen, was alles auf der Seite stehen soll. (...)

Wunderschön.

Der Kern ist immer: "Ich will ins Netz - was kostet das?" Dann folgt die "Was wollen Sie denn da genau machen?"-Frage, die normalerweise mit einem entschlossenen "Ja, ich will ins Netz!!" beantwortet wird.

Weiter geht es:

"Haben Sie schon ein Konzept?" mit zwei Antwortmöglichkeiten: "Hä? Brauch ich das? Was ist das?" oder "Ja, klar! Ich will ins Netz!! Mit so einer Homepage!"

Das ist der Moment, an dem der gewiefte Web-Klitschen-Verkäufer zuschlägt, einen Preis für 15 Stunden Arbeit nennt und seine 'Web-Visitenkarte für Dummies' implementiert (Arbeitsaufwand: 20 Minuten). Aber das ist leider nicht mein Job - ich ja bin bloß ein Consultant und verdiene mein Geld gerade damit, solche Geldverbrennung für sinnlose Websites zu verhindern, z.B. indem ich im Kundenauftrag Konzepte erstelle und Projekte plane!

Also geht es bei mir zwangsläufig so weiter, wie bei der Autorin der Geschichte:

"Ich mache Ihnen einen Vorschlag: Ich erarbeite Ihnen ein Konzept für Ihre Seite, dann reden wir darüber, Sie schauen, ob Sie sich das so vorgestellt haben und dann [...]. Dieses Konzept würde ich Ihnen auf der Basis meines Stundensatzes von € 55,- berechnen. Ich rechne dabei mit maximal vier Stunden Arbeit."
(Für solche Arbeiten (Erstkonzept bei kleinen Sites) berechne ich übrigens den gleichen Stundensatz.)

Manchmal wagt der Kunde das Experiment, investiert einige hundert Euro in ein Konzept und ein Beratungsgespräch und spart das Geld bei der Implementierung locker wieder ein (ohne dass die Agentur darüber unglücklich wäre!), weil er viel genauer weiß, was er will und besser mit der Agentur kommunizieren kann.

Zum Glück haben auch die meisten Agenturen inzwischen verstanden, dass sie sich keinen Gefallen tun, wenn Sie "dummen" Kunden einfach nur eine Website hinstellen, selbst wenn der Kunde das zunächst so will. Früher oder später merkt er doch, dass ihm das Ganze nichts gebracht hat und dann steigen die Support-Kosten ins unermessliche. Und wenn dann die Erweiterung fällig ist, ist der Kunde schon gewohnt, dass das Konzept "umsonst" ist - dann macht die Kalkulation bei der Agentur nicht mehr viel Spaß. Professionelle Agenturen bestehen auf einem Konzept und lehnen Aufträge, bei denen der Kunde keins hat (und auch keins bezahlen will) ab.

Viele wagen es auch nicht, landen dann bei einer Webklitsche oder einem "Webdesigner", der es richtig nötig hat und jammern nach 6 Monaten herum, dass sie jetzt zwar "drin" wären, das aber Geld gekostet und nichts "gebracht" habe. Tja... es ist halt nicht so einfach...

Ah, wie liebe diese Branche und diese Arbeit! :-)

[20.10.2004] _notizen aus der provinz: Wenn Architekten wie Webdesigner behandelt würden

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Leider haben's mittlerweile auch viele professionelle Agenturen (wie man hört) "so richtig nötig". Es ist also zu hoffen, dass sie trotzdem einen gewissen Standard halten.

Dass die Entwicklung eines Konzepts (als reine Kopfarbeit) nie wirklich kostenlos sein kann, ist eine manchen Menschen kaum verständlich zu machende Tatsache: Es kostet immer, sogar wenn das Konzept ganz fehlt. Dann heisst es eben Lehrgeld statt Honorar.
:-)

wojo am 07.01.03 13:45 #