18. November 2002

[ Wissensmanagement ]

KM Europe 2002

Die KM Europe 2002 fand vom 13. bis 15. November in London statt und ich fuhr hin, um Vorträge zu hören, Leute zu treffen, Diskussionen zu führen, alte Ideen zu prüfen und neue zu bekommen. Und das funktionierte auch.

Die Konferenz-Location war ein etwas merkwürdiger Bürgerpalast im Norden von London, der aussah wie eine Mischung aus Industrieanlage, Schloss, Funkturm, Plattenbau und Gewächshaus. Drinnen gab es Palmen, jede Menge Barcodescanner, einen großen Ausstellungsraum (Temperatur: Ca. 17 Grad) für Ausstellungsstände, Workshopecken und Cafeteria und einen noch größeren Vortragsraum (Temperatur: Ca. 15 Grad) für Firmenvorträge und die Keynotes der Gurus.

Den Gesamteindruck der Ausstellung hat Ton Zijlstra schon in schöne Worte gefasst:

"As we entered the convention floor we both commented on the fact that most of the exhibitors were promoting software. Already yesterday I had felt some unease at this, and today I put that unease into words. I feel like going to an art convention, and finding nothing but people trying to sell me brushes and paint. I am certainly not saying that these tools are useless, but they are not the key issue, and presenting them as a goal in themselves makes me feel uneasy."

Die Konferenz war insgesamt sehr von der Softwareindustrie dominiert. Praktisch jeder Stand wollte irgendeine "KM-Software" verkaufen, die meist aber nur Neuaufgüsse uralter Collaboration-Konzepte waren ("and we even have email messaging integrated"). Leider wurden dadurch auch viele der Vorträge zu Marketingpräsentationen.

Noch mehr als in Prag (auf der e2002-Konferenz) wurde hier die Orientierungslosigkeit vieler deutlich: Was ist Knowledge Management? Warum betreiben wir es? Sehr wenige Vortragende hatten wirklich substanzielle Antworten. Während in Prag aber deshalb auch genau hierüber diskutiert wurde, wurde in London die Meta-Diskussion im offiziellen Teil fast völlig ausgespart. An den Cafeteria-Tischen war sie aber um so präsenter.

Die "KM-Industrie" (ich meine damit die Softwarehersteller, die sich in dem Bereich tummeln, die vielen frisch benannten "Knowledge Manager", die Entscheider, die "KM machen" wollen und alle, die sonst noch auf dieser Art Konferenzen anzutreffen sind) hat ein Sinn-Problem: Warum eigentlich wollen wir Knowledge Management machen? Genau?

Die unkonkreten "aus dem Wissen der Mitarbeiter mehr Gewinn für die Unternehmen ziehen"-Antworten reichen nicht mehr. Und nebulöse "Intranet-KnowledgeBase-und-intelligente-WhitePages-und-DataMining-auch-in-email-und-wie-kriegen-wir-auch-noch-eLearning-hier-rein?"-Projekte kriegt niemand mehr finanziert. Man sucht nach "Wissensprozessen" ("Was ist der Geschäftsprozess um Wissen zu erhalten? In welchem Prozess wird es dann angewendet? Mit wieviel Zeitabstand? Welchen prozentualen Anteil hat das Wissen am Output des Geschäftsprozesses X?") und ist nur teilweise erfolgreich. ("Ein Call-Center-Agent braucht Wissen über den Kunden, wenn er von selbigem angerufen wird. Also brauchen wir ein Wissensmanagementsystem im Call-Center!" - CRM renamed.) Man versucht, aus Fallbeispielen universelle Best Practise zu destillieren und daraus dann das eigene KM-Konzept zu kochen. Dabei entsteht dann etwas merkwürdig breiiges, das kaum noch jemand versteht (geschweige denn dass es den Mitarbeitern schmeckt!).

Es gibt aber auch ein paar Antworten: Dave Snowden grenzte etwa in seiner Keynote Wissensmanagement auf nur noch zwei Bereiche ein: Decision Support (bessere Entscheidungen treffen) und Innovation, ein meiner Meinung nach höchst interessanter und vielversprechender Ansatz. (Mehr zu Dave Snowdens Keynote später.)

ich glaube, es würde der Branche gut tun, wenn sich die Praktiker einmal ganz alleine treffen würden. Ohne Softwareverkäufer, ohne Forscher (ok, ein paar dürfen kommen und moderieren. Aber nicht mehr.) Man würde über Erfahrungen, konkrete Probleme und konkrete Lösungen sprechen, ohne von Software mit fragwürdigem Nutzen und sehr (zu) weit entwickelten abstrakten Konzepten abgelenkt zu werden. Jeder würde für sich eine greifbare Vorstellung entwickeln, was KM für ihn bedeuten kann. Dann würde man zurück auf die Messen und Konferenzen gehen und könnte sich mit der Softwareindustrie viel besser herumschlagen. Und mutige Manager könnten sich sogar wieder das anhören, was die Forscher ihnen erzählen, ohne von der Komplexität erschlagen zu werden. Und ich hätte viel mehr und qualifiziertere Anfragen. Wäre doch schön, oder?

Trackbacks sind Links von anderen Weblogs auf diesen Eintrag.

Bericht über den Vortrag "Falling off the bicycle - KM Lessons from the real world" von Richard Potter (Qinetiq) auf der KM Europe 2002.

Das E-Business Weblog: Richard Potter auf der KM Europe (10.05.03 13:40)

 

Die Kombination von (aktueller) Forschung und Praxis ist aber doch besonders spannend - gerade für konkrete Probleme sind abstrakte Ideen gute Wegbereiter für konkrete Lösungen.

Eine der besten Konferenzen der letzten Jahre wahr für mich die XML Europe in London vor 2 Jahren: 50% Praxis / 50% leading edge, sowas findet man in de doch eher selten ?

Sven Tissot am 18.11.02 18:16 #
 

Den meisten Konferenzen würde es gut tun, "wenn sich die Praktiker mal ganz alleine treffen könnten". Ohne Verkäufer. Ohne diese und ihre Möglichkeit, sich zu präsentieren, sind aber solche Veranstaltungen schwer finanzierbar. Dass aber auch die Vorträge von ihnen dominiert zu sein scheinen, wie ich Deinen Beitrag verstanden habe, finde ich kontraproduktiv.

Vielleicht sollten medizinische Kongresse als Beispiel genommen werden, wie es gehen könnte: Bei guten Kongressen ist von der Industrie nur am Rand etwas zu bemerken (in einer Fachausstellung und in Begleitveranstaltungen, teilweise ausserhalb des Kongresses). Der Rest ist ausschließlich Vorträgen, Symposien etc. vorbehalten. Trotzdem sind die Kongresse so gut wie nie defizitär, die Industrie finanziert alles.

Was Du mit der KM Europe beschreibst, scheint eher in die Kategorie "Messe" zu fallen.

wojo am 20.11.02 06:39 #