25. Oktober 2002

[ Strategie , Technologie , Trends ]

IT-Trends 2003

Avanade, das Joint Venture von Accenture und Microsoft, hat seine IT-Trends 2003 benannt (via emartin.net). Schauen wir mal rein:

Team-basierte Portale. Ein Schlüsseltrend im kommenden Jahr sind Portale, die es virtuellen Teams erlauben, zeit- und orts-unabhängig an gemeinsamen Aufgaben zu arbeiten.
Zustimmung. Allerdings ist das weniger eine Software- als eine Management-Herausforderung. Technisch geht es in den meisten Fällen einfach um eine Web-basierte Groupware und Schnittstellenproblematiken zu den Unternehmen (Mail- und Kalendersynchronisierung, Ärger mit der IT-Abteilung, weil Daten nur auf Unternehmens-Servern und nicht im Web abgelegt werden dürfen, etc.etc.).

Die Software dafür existiert bzw. lässt sich mit relativ geringem Aufwand implementieren. Aber damit hat man noch keinen Erfolg! Dafür braucht es ein vernünftiges Konzept, dass auf die Anforderungen der Projektmitarbeiter zugeschnitten sein muss: Programmierer arbeiten anders zusammen als Marketingmenschen. Vor dem Softwarekauf oder der Implementierung "virtueller Projekträume" u.ä. über die Kommunikationswege und Arbeitsprozesse nachzudenken, macht eine Menge Sinn und spart viel Geld.

(Ja, ich berate auch bei sowas.)

Outsourcing. Um ihre IT Projekte durchzuführen, werden Firmen verstärkt auf einen Mix aus internen Mitarbeitern und langfristigen Geschäftsbeziehungen mit externen Anbietern setzen.
Ja, ja: Solange noch nicht wieder eingestellt wird, wird alles rausgegeben. Und in drei Jahren dreht sich wieder alles. Es lebe der Konjunkturzyklus!
Content Management auf dem Prüfstand. Mit steigenden Bandbreiten verändert sich das Content Angebot radikal. Statische Inhalte waren gestern; angereicherte Formate, die Audio und Video beinhalten, sind das große Thema in 2003. Vor dem Hintergrund eines steigenden Bedarfs an E-Learning und unternehmensübergreifendem Dokumenten-Management wird Content Management zum Topic auf der Agenda vieler Geschäftsführer. Das "Rich Data Management" der nahen Zukunft beinhaltet zudem Produkt- und Kundendaten sowie die Daten der Beschäftigten der Unternehmen, die synchron im Web und in den Backend-Systemen (ERP/CRM/LOB) verfügbar sein müssen. Neben der Kontrolle von Kerntransaktionen und Suchfunktionen wird "Rich Data Management" Video, Audio, Bildmaterial und komplexe Dokumente managen.
Keine Zustimmung. Nicht, dass es nicht wichtig wäre (insbesondere die Synchronisierung von Backend-Systemen und dem Content-Management für Intra- und Internet), aber mit diesen Dingen wird sich in 2003 kaum jemand befassen, denn diese Projekte erfordern oft größere Veränderungen der Architektur und tragen somit ein Investitionsrisiko, das sich im Moment keiner einzugehen traut. Die zunehmende Verbreitung "angereicherter Formate" findet zwar statt, kann aber durch die bestehenden Content Management Systeme noch gut verarbeitet werden. Funktionalere Schnittstellen und umfassenderes Content Management? Vielleicht 2004.
Regierungen als Innovator. Avanade ist überzeugt davon, dass sich die Regierungen und Behörden in aller Welt ab 2003 intensiv mit dem Thema E-Government befassen werden.
Eine einfach Prognose, der ich mich voll anschließen kann. Die ersten Projekte sind abgeschlossen, sodass die Nachzügler nicht mehr so viel Mut brauchen, um nachzuziehen. Und letzter will keiner sein. Es sind genug Unternehmen am Markt, die die nötige Software entwickeln, Kompetenz haben und es schaffen, den verantwortlichen Beamten das Sicherheitsgefühl zu geben, das sie brauchen.
XML Web Services. [...] Sobald sich Microsoft und IBM bezüglich dieser Standards geeinigt haben, werden Web Services gang und gebe bei der Systemorganisation werden.
Ja und nein. Avanade schreibt schon selbst: Solange die Frage allgemein anerkannter Standards für Web Services nicht geklärt ist, werden sich allerdings nur wenige Unternehmen auf deren Implementierung einlassen. Ein "Standard", der nirgends implementiert ist, ist aber kein Standard.

Ich fürchte, dass der Durchbruch auch im kommenden Jahr noch nicht da sein wird und eine weitere Verbreitung erst 2004 und 2005 einsetzen wird. Bis dahin werden zwar WebServices an einigen Stellen implementiert werden, doch ist der Integrationsaufwand noch so hoch, dass sie kaum Vorteile gegenüber Schnittstellen auf anderer Technologiebasis haben. (See also: CNet - Report: Web services a decade away (via Corante)

Update (30.10.02): Vielleicht geht es doch schneller, als wir denken? CNet berichtet:
The Web Services Interoperability Organization (WS-I), a consortium of companies working to make emerging Web services products compatible, said it has published its Basic Profile Working Draft to its Web site. [...] The draft spells out how existing standards, including the Simple Object Access Protocol (SOAP) 1.1, Web Services Description Language (WSDL) 1.1, Universal Description Discovery and Integration (UDDI) 2.0, Extensible Markup Language (XML) 1.0 and XML Schema, should be used to develop interoperable Web services.
Und ein Analyst wird zitiert mit "Couple the clarification provided by the profile with the industry weight of the participants and all of a sudden you have a relevant and compelling standard.” Der erste "final" Standard wird für Anfang 2003 erwartet.
Wireless. Die wachsende Nutzung von drahtlosen Endgeräten in Unternehmen ist eigentlich ein IT Trend für 2003. Doch das sogenannte "Wireless Jahr" wurde schon mehrfach angekündigt - richtig durchgesetzt hat sich die drahtlose IT Welt jedoch noch nicht. [...] Avanade ist der Meinung, dass das große "Wireless Jahr" erst 2004 anbricht. Kurzfristig glaubt das Unternehmen an eine Fokussierung auf Intelligent Messaging, die Konvergenz aus Instant Messenger, E-Mail und Unified Messaging (VM, Fax, Blackberry, etc.). Firmen, die ihre Messages intelligent an den Nutzer / Kunden bringen, sind klar im Vorteil (ebenso wie Unternehmen, die umgekehrt ihre User zum Routen und Filtern von deren Botschaften befähigen).
Wishful Thinking? Ich hätte ja auch gerne "offizielles" Corporate Instant Messaging, Konvergenz und Manager, die sich Gedanken über Kommunikationsinfrastrukturen machen. Und ich könnte sogar tolle ROI-Prognosen für Projekte in diesem Bereich zaubern. Aber ich glaube, dass das Chaos in den Unternehmen noch nicht groß genug ist, um wirklich Handlungsdruck zu erzeugen. Man ist noch zu glücklich mit den vielen neuen Möglichkeiten und noch nicht überfordert genug.

Aber ich lasse mich gerne vom Gegenteil überzeugen: Gibt es da draußen jemand, der seine Unternehmens-Kommunikationsinfrastruktur mal durchchecken lassen möchte? Der Ordnung in E-Mail, Telefon, Fax, Palm, lokalem Server, Webserver, Notebook und stationären PCs bringen möchte um seine Mitarbeiter effektiver und effizienter arbeiten zu lassen? Rufen sie mich an!

Um zum Schluss zu kommen:

Semantisches Internet. [...] Obwohl dieser Trend nicht sehr gehypt wird, wird er im nächsten Jahr wachsen, da im Gegensatz zu den Web Services hier die Standards bereits definiert sind und problemlos in die Praxis umgesetzt werden können.

Ich glaube trotzdem nicht dran. Für die Ersteller und Anbieter von Content erscheint semantisches Markup, außer in Nischen wie z.B. technischer Dokumenation erstmal nur wie zusätzlicher, unnötiger Aufwand. In bestimmten, stark eingegrenzten Bereichen wird es 2003 erste, funktionierende Semantiken geben, aber in der Breite wird das Semantic Web noch eine Weile auf sich warten lassen.

Mehr Data-Sharing. Etliche Jahre lang haben IT Unternehmen eine größere Datentransparenz zwischen Herstellern und ihren Kunden prognostiziert. Viele Prozesse wurden bereits in Industriestandards umgesetzt, wie z. B. RosettaNet im Halbleiterbereich und CIDX in der chemischen Industrie. Doch diese Standards adressieren lediglich den Informationsaustausch zwischen Herstellern, ihren Partnern und Kunden, was seitens der Hersteller einen Echtzeitzugang zu Informationen, die in ihren ERP/CRM Systemen verfügbar sind, erfordert. Diese fehlende interne Verknüpfung ist eine Herausforderung, bietet jedoch gleichzeitig Chancen für rationalisierte Lieferanten- und Distributionsketten, die Avanade für 2003 am Start sieht.
Zustimmung. Ausgehend vom SCM wird sich das durch alle Unternehmensprozesse ziehen. Wobei wir 2003 wahrscheinlich in der Produktion und Logistik steckenbleiben und uns besonders um das Exception Handling kümmern werden (das scheinen die Projekte mit dem höchsten ROI zu sein).

Soviel zur Glaskugel 2003. Und was haben Sie vor?